„Nach der Sportschau zu den Fans“

von Redaktion

Ex-Toptorjäger Dieter Müller über alte Zeiten, heimliche Liebeleien und Schicksalsschläge

München – Immer noch steht er unter den Top Ten der Bundesliga-Allzeit-Torjäger, hält Rekorde für den DFB-Pokal und die meisten Treffer in einem Ligaspiel: Dieter Müller, 66, über sein Leben, den Fußball zu seiner Zeit und im Jetzt.

Dieter Müller, Sie haben Ihre Biografie geschrieben. Um den Jüngeren mal klarzumachen, welche Wertigkeit Sie in Ihrer besten Zeit hatten – Sie erzählen von Ihrer Top-Saison mit 34 Toren in der Bundesliga und 14 im DFB-Pokal und merken an: ,Eine solche Bilanz weisen heute Spieler wie Cristiano Ronaldo oder Robert Lewandowski auf.’

Es waren drei, vier Jahre, in denen ich in dieser Dimension getroffen habe. Die Zeitschrift ,France Football’ vergab den Goldenen Schuh an den besten Torjäger Europas, da wurde man zur Ehrung nach Paris eingeladen. Es gewann zwar ein Rumäne mit 48 Toren, aber das war eine Operettenliga. Für die Bundesliga waren 34 Tore schon enorm. Ich war nicht sonderlich groß, aber ein guter Kopfballspieler, habe links wie rechts geschossen.

Ihre Länderspielquote war: Neun Treffer in zwölf Spielen. Deutsche Fußballgeschichte schrieben Sie im EM-Halbfinale 1976 in Belgrad. Eingewechselt gegen Jugoslawien, erstes Länderspiel, drei Tore, Deutschland im Finale.

Dazu kann ich Ihnen eine nette Geschichte aus der Corona-Zeit erzählen. Da hatten die Zeitungen nicht viel Aktuelles zu schreiben, in der Frankfurter Allgemeinen war Platz, sodass Moritz Rinke, ein bekannter Schriftsteller, über seinen ersten Kontakt mit dem Fußball berichten konnte. Er war ein Kind, lag krank im Bett und sah den Dieter Müller, der dann dafür sorgte, dass er ein paar Tage später auch noch das Endspiel anschauen durfte.

Bei dem Uli Hoeneß den Elfmeter verschoss…

Hätte er getroffen, wären wir Europameister geworden, und ich hätte vielleicht 30 Länderspiele gemacht. Dass es bei Unentschieden nach Verlängerung zum Elfmeterschießen kommt, erfuhren wir übrigens erst im Stadion. Wir waren für diesen Fall von einem Wiederholungsspiel zwei Tage später ausgegangen. Doch DFB und tschechoslowakischer Verband hatten sich – ohne unser Wissen – vor dem Spiel auf Elfmeterschießen geeinigt. Vielleicht hätte ich antreten sollen. Wobei: Ich habe auch einige Elfer verschossen.

Ein Rekord ist Ihnen geblieben: sechs Tore in einem Bundesligaspiel, 1977. Falls jetzt jemand auf YouTube geht, um sich die rauszusuchen, wird er enttäuscht sein, denn . .

. . . es gibt nur Fotos, keine Filmaufnahmen. Köln gegen Werder Bremen war ein Nachholspiel an einem Mittwochabend, es war kein Fernsehen da. Und Handys zum Mitfilmen gab es nicht.

Würden Sie Ihre sechs Tore gerne noch einmal sehen?

Oh ja, denn die Erinnerung verblasst ja auch. Ich habe gespielt wie im Rausch, es waren vier Kopfballtore darunter, und ich hätte noch ein, zwei Tore mehr machen können. Es war kein Spiel der Art: Jeder Schuss ein Treffer.

Der Frankfurter Luka Jovic erzielte vor zwei Jahren fünf Tore in einem Spiel. Da waren Sie im Stadion und, so schreiben Sie, froh, dass er kein sechstes machte.

Ich muss mich nicht profilieren, aber es ist schön, wenn man einen Rekord hält. Mit 43 Jahren ist er einer der ältesten. Aber wenn es so sein sollte, dass ihn einer überbietet, dann ist es eben so.

Lassen Sie uns das Früher mit dem Heute vergleichen. Sie stammten aus einer Zeit, in der man als Jugendnationalspieler noch bei seinem meist kleinen Heimatverein kickte. Bernd Dürnberger, später beim FC Bayern, spielte für Freilassing, Charly Körbel, der große Frankfurter, für Dossenheim, Toni Schumacher für Düren, Sie für Offenbach. Das bessere Modell als das heutige, in dem die Bundesligisten sich früh die Besten holen?

Offenbach war für mich aber schon ein größerer Club, mein Heimatverein war die SG Götzenhain. Wir waren alle noch Straßenfußballer. Normal ist es schon ein Vorteil, bei einem größeren Club zu sein, man bekommt dort bessere Trainer, die spezifischer mit einem arbeiten. Nehmen Sie den Hermann Gerland bei den Bayern: Was hat der mit dem Thomas Müller am Kopfballpendel gearbeitet, weil er da Schwächen ausgemacht hatte.

Als Spieler hatten Sie zu Ihrer Zeit auch private Gönner wie Hans Fischermanns, den Besitzer einer Fettschmelze, der Ihnen Geld zusteckte, oder einen Professor in Bordeaux, der Sie, als Sie dort spielten, Französisch lehrte. Können Fußballer heute noch eine solche Nähe zu Personen von außen zulassen?

Nein, heute wird den Spielern vieles untersagt. Man hält sie in ihrer Blase. Ein Beispiel: Als Robert Lewandowski fünf Tore in einem Spiel erzielte, wollte das Sportstudio ihn und mich in einer Sendung zusammenbringen. Ich wäre hingelaufen, ihm wurde das am Samstag verboten, weil er am Mittwoch ja wieder ein Spiel hatte. Nein, diese Nähe, die ich etwa zu Journalisten gepflegt habe, die auch offen mit unserem Trainer Hennes Weisweiler befreundet waren, wäre nicht mehr möglich. Es wird immer schwerer, an Spieler heranzukommen, der Nationalmannschaft geht die Fannähe völlig ab. Man kann eigentlich nur ein ,Back to the roots’ empfehlen.

Einer der schönsten Momente, die Sie schildern: Nach Heimspielen schaute die Mannschaft des 1. FC Köln im Geißbockheim die Sportschau an…

… und dann gingen wir raus und haben mit den Fans gesprochen, die da auch zu Gast waren.

Der Boulevard hat Sie verfolgt , bei Gewichtsproblemen als „Bierfass“ tituliert. Aber nicht alles mitbekommen. Sie hatten eine Affäre mit Domenica, die später die bekannteste Prostituierte Deutschland wurde.

Ich war nach einem Spiel in Hamburg mit meinen Mitspieler Heinz Flohe im Lokal ,Ritze’ auf der Reeperbahn. Wir konnten nicht schlafen. Besitzer Hanne Kleine stellte mir eine vor, die ein Kölsche Mädsche war. Das war Domenica. Sie hat sich wohl ein wenig in mich verliebt, ich habe sie zwei-, dreimal nach Köln einfliegen lassen. Wie sie da im weißen Nerzmantel aus dem Taxi stieg und zu mir in meine Drei-Zimmer-Wohnung kam. . . Ich habe allein gelebt und konnte tun und lassen, was ich will. In den Jahren danach hat man sie oft in Talkshows gesehen, sie hat sich für die Rechte von Huren engagiert und selbst kein so tolles Leben gehabt . . . Aber die Sache mit ihr und mir hat damals niemand mitbekommen.

Man muss sich für eine Biografie ja überlegen: Was hält man geheim, womit rückt man raus? Sehr offen beschreiben Sie das deutsche Scheitern bei Ihrer einzigen WM, 1978 in Argentinien. Die Mannschaft zerstritten, Sepp Maier lieber auf dem Tennisplatz oder damit beschäftigt, einen Oldtimer, den er in Südamerika gekauft hatte, nach Deutschland zu überführen.

Das mit dem Oldtimer hatte ich nicht mitbekommen, das hat mein Co-Autor Mounir Zitouni recherchiert. Aber mit dem Tennis – ja, Sepp hat schon mal länger gespielt, beim Training musste man auf ihn warten. Er war ein großartiger Mensch, als Spieler ’78 aber über seinen Zenit hinaus. Und Weltmeister war er schon. Um ihn hatte sich eine Gruppe gebildet, der C-Kreis, zu dem gehörte ich auch. Nach uns hat Bundestrainer Helmut Schön nicht so geguckt.

Eine legendär missglückte WM.

Gespielt haben wir gar nicht so schlecht, wie das im Nachhinein dargestellt wird, das Finale wäre möglich gewesen. Aber die Umstände waren denkwürdig: Wir wohnten in einer Art Kaserne, zusammen mit 40 Journalisten. Wir haben 15 Mal den Film ,Der Clou’ mit Robert Redford gesehen und schlugen vor, ihm beim 25. Mal eine DFB-Ehrennadel zu verleihen. Franz Lambert spielte an der Orgel, Ein feiner Mann, ich habe ihn auch für meine Hochzeit engagiert, aber bei einer WM als Unterhalter, das ging gar nicht. Nach unserer Niederlage gegen Österreich und dem Ausscheiden musste er ,Schicksalsmelodie’ spielen.

Noch eine herrliche Geschichte: Für ihr Abschiedsspiel wollten Sie 1989 Diego Maradona holen.

Über einen Bekannten habe ich es in Neapel versucht, an ihn heranzukommen, das klappte nicht. Als er mit Napoli UEFA-Cup in Stuttgart spielte, durften wir auf sein Zimmer. Zunächst hatte er als Gage eine Uhr von Patek Philippe für 8000 Mark gefordert, das hätten wir hingekriegt, nun war er auf einmal beim Porsche. Das Stadion wäre voll geworden mit ihm als Attraktion, doch diese Forderung konnte ich nicht erfüllen. Die anderen sind ohne Gage gekommen.

Sie hatten viele illustre Trainer, erlebten auch skurrile Typen. Welcher könnte im jetzigen Geschäft noch bestehen?

Hennes Weisweiler, er war seiner Zeit ein, zwei Generationen voraus, ihn hat auch Jupp Heynckes sehr verehrt. Mein großer Mentor war Tschik Cajkovski, menschlich sehr okay, aber an Trainingsgestaltung war er nicht so interessiert. Er ist mit uns Spielern baden gegangen, hat sich in unseren Zimmern versteckt, wenn er wusste, dass wir Essensplatten bestellt hatten – aber nun, wo alles verwissenschaftlicht ist im Fußball, ist nur in den Arm nehmen zu wenig. Helmut Schön, unter dem ich in der Nationalmannschaft spielte, war auch okay, aber sehr empfindlich. Ich hätte mir mehr Verständnis erwartet, wenn man als sensibler Stürmer in eine Krise gerät.

Ihr Leben ist voller Schicksalsschläge: Ihren leiblichen Vater, dessen Nachnamen Kaster Sie lange trugen, lernten Sie erst kennen, als Sie 40 waren, Ihr Adoptivvater Alfred Müller starb, da waren Sie 19. Sie verloren Ihren 16-jährigen Sohn Alexander durch einen Gehirntumor, Ihre jüngere Schwester starb als Alkoholikerin. Wie wurden Sie mit all dem fertig?

Zeit ist der einzige Faktor, der hilft. Aber es holt einen immer wieder ein, vor allem der Tod meines Sohnes, der ein außergewöhnlicher junger Mensch war, vor 22 Jahren. Es gibt nichts Schlimmeres, das nimmt man mit ins Grab, Bei Interviews dazu werde ich nachdenklich und traurig.

Hat der Fußball helfen können?

Die Arbeit mit Kindern in meiner Fußballschule hat mir viel gegeben. Mit den Kindern war ich glücklich, und so kann ich sagen, dass ich trotz meiner Schicksalsschläge ein erfülltes Leben hatte. Andere wären daran zerbrochen, ich bin ein freundlicher Mensch geblieben. Als mein Weggebleiter Helmut Schulte und DFB-Präsident Fritz Keller das so in einem Beitrag für das Buch schrieben, hatte ich Tränchen in den Augen.

Sie sind 66, im Jahr 2012 hatten Sie einen schweren Infarkt, Ihr Herz schlug 31 Minuten überhaupt nicht mehr. Sie lagen im Koma. Sind Sie jetzt ein älterer Herr, der darauf Rücksicht nimmt, dass sein angeschlagenes Herz nur noch 35 Prozent Leistungsfähigkeit hat – oder fahren Sie noch immer Porsche?

Ich hatte 18 Porsches, doch das ist nicht mehr so wichtig. Ich kann Golf spielen und mit 70. 80 Watt Fahrrad fahren, nehme sechs, sieben Tabletten am Tag und bin ein sentimentaler Opa mit einem dreijährigen Enkelchen.

Interview: Günter Klein

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