München – Vorsicht, Kamera! Man muss es nicht immer bemerken, wenn einer in der Nähe das Smartphone hochhält. Und wenn schon: Ist es schlimm, wenn man in geselliger Runde singt?
Es genügt wenig, um Anstoß zu erregen, diese Lektion müssen prominente Leute immer wieder lernen. Derzeit auch Manuel Neuer. Ein Video, auf dem er in seinem Urlaub in einer Männerrunde in einer nachmittäglichen Strandbar im kroatischen Dubrovnik für gut zwei Minuten zu sehen ist, hat vor allem im Netz Diskussionen über sein politisches und gesellschaftliches Verständnis aufgeworfen.
Was ist geschehen? Die Gruppe am Strand mit Neuer singt das Lied „Lijepa li si“ („Du bist schön“) der kroatischen Band Thompson, einer der Anwesenden begleitet es auf der Ziehharmonika. Manuel Neuer singt mit, er wirkt textsicher, wirft beim Refrain auch einmal die Hände nach oben.
Was besagt das Lied? Es wurde 1998 veröffentlicht, hat den Status einer inoffiziellen kroatischen Nationalhymne. Besungen werden diverse schöne kroatische Gegenden, allerdings auch bosnisch-herzegewonische – was als Besitzanspruch auf diese Landstriche interpretiert werden kann. Der Song ist folkloristisch-schmissig, Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihn nach Recherchen der FAZ bei einem Besuch in Zagreb vor der Europawahl 2019 mitgeklatscht.
Wer ist der Sänger? Hier wird’s problematisch. Kopf der Gruppe Thompson ist Marko Perkovic. Man sagt über ihn, er verherrliche den kroatischen Faschismus, habe sich auch positiv über den Holocaust geäußert. Die entsprechenden Zitate sind umstritten, teils werden sie von Perkovic dementiert. Er selbst bezeichnet sich als Patriot, wahrgenommen wird er aber eher als Nationalist. Der Bandname „Thompson“ ist eine Hommage an die gleichnamige Waffe, die im Balkankrieg verwendet wurde. Auf Thompson-Konzerten wurde auch schon der Hitlergruß gezeigt.
Wer sind die Thompson-Fans? Die Band ist populär, Perkovic hat Freunde unter den Fußballstars des Landes. Das Team des Vizeweltmeisters feierte vor zwei Jahren die WM-Erfolge mit Thompson-Liedern. Das hat den Kroaten Kritik eingetragen und sie Sympathien gekostet.
Was verstand Neuer? Sein Management sagte zu „Bild“, Neuer verstehe kein Kroatisch. Zumindest der Liedtext kommt ihm aber flüssig über die Lippen. Kroatien mag er, er hat in München einen Freundeskreis, in den ihn Torwarttrainer Toni Tapalovic einführte.
Wie sind die Reaktionen? Vom neuen Fall Özil und der Abscheu, dass der Nationalmannschaftskapitän Fascho-Lieder singe bis zur Bewertung: Harmloses Lied, lasst den Manuel doch mal feiern. Verstehen würde er den Text auch gar nicht.
Gibt es eine Reaktion von Manuel Neuer? Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe äußerte sich der Nationalspieler nicht. GÜNTER KLEIN