ZWISCHENTÖNE

Digitaler, aber auch dicker

von Redaktion

Aus einer Wiener Schule kam gerade die nicht wirklich überraschende Meldung, die Kinder seien dort in den letzten Monaten dicker geworden. Man erkannte das, weil die Schule Teil eines Projekts war, das sich zum Ziel gesetzt hatte, Übergewicht bei den Schülern zu verhindern. Am Ende der auf drei Jahre angelegten Studie aber kam Corona, und vieles, was man zuvor bewirkt hatte, war plötzlich Makulatur. Die Kinder hatten während des Homeschoolings deutlich an Masse zugelegt.

Und die Wissenschaftler rätseln. Liegt das daran, dass daheim die Pausen länger und von diversen kleinen Snacks begleitet waren? Oder doch daran, dass es in engen Stadtwohnungen wenig Möglichkeiten gibt, sich mal sportlich zu bewegen? Als Ausgleich daddelte man halt auf Smartphone und Laptop, Corona hat den Trend zur Digitalisierung der Kinderwelt rapide beschleunigt. Und ein Fußballverband mit Weitblick setzt dann flugs noch stärker als schon zuvor auf E-Sport, um die Kids nicht zu verlieren. Sogar die Aufnahme virtueller Wettkämpfe ins olympische Programm wird wieder heiß diskutiert; winkt das große Geld, ist das IOC erstaunlich flexibel.

Sport lässt sich, Corona hat es gezeigt, aus miefigen Sporthallen ganz prima in virtuelle Räume verlagern. Dennoch sollte die Wiener Studie, ähnliche Ergebnisse hätten sicher auch deutsche Schulen erbracht, die Gesundheitspolitiker aufrütteln. Die aber haben derzeit natürlich andere Probleme als sich um Auswirkungen von Übergewicht und Fettleibigkeit zu kümmern. Erhöht, das weiß man ja längst, wird dadurch das Risiko für Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzleiden und Diabetes. Und extremes Übergewicht unter Kindern und Jugendlichen habe, wie erst neulich wieder zu lesen war, schon von 2008 bis 2018 um 27 Prozent zugenommen, motorische Entwicklungsstörungen um 52 Prozent. Und das war vor Corona.

Die Alarmglocken schrillen also nun noch ein bisschen lauter, wer aber will sie hören? Dabei müssten zu den Maßnahmen, die Corona-Folgen einzudämmen, nun dringend effektive Bewegungsangebote für den Nachwuchs gehören. Die aber fehlen vor allem im städtischen Raum. Beim Versuch, Schulen dazu zu bewegen, ihre Freiflächen außerhalb der Schulzeiten zu öffnen, hat sich das Münchner Bildungsreferat praktisch nur Absagen eingehandelt, auch, weil Kinderlärm halt Anwohner stört. Und Vereinen, die Kinder gerne zurück zum Sport bringen wollten, werden jede Menge Knüppel in den Weg geworfen. Gerade hat der SVN München in einem offenen Brief das Drama angesprochen. Die corona-bedingten Auflagen lassen (ehrenamtliche) Übungsleiter verzweifeln und Kosten explodieren, Hilfe aber bekommt man kaum.

Ach ja, was müssen wir nicht alles retten in dieser Zeit, den Schlachtbetrieb von Tönnies, die Lufthansa, die Proficlubs. Wer kann sich da noch um Kultur und (Breiten-)Sport kümmern, hat zuvor ja auch kaum einen ernsthaft interessiert. Dabei wären Kinder so leicht für Bewegung (ganz analog) zu begeistern, neulich hat uns ein bekannter Sportkinesiologe von einer Übungseinheit mit jungen Fußballern berichtet, die nach Wochen der Schockstarre fast gejauchzt hätten vor Glück, weil sie sich wieder anstrengen und damit auch ihre emotionale Kompetenz zeigen durften.

Moderne Kinder aber sollen vor allem digitale Kompetenz erlangen, da ist man, auch mit tatkräftiger Unterstützung der Sportverbände, gerade auf einem richtig guten Weg. Dass wir damit eine Generation heranziehen, die immer mehr unter ehemals eher untypischen Krankheiten leidet wie motorischen Störungen oder Fettleibigkeit, lässt sich vernachlässigen. Ist doch auch was, wenn selbst aus einem kugelrunden Kind an der Konsole mal ein Olympiasieger werden kann. Bestimmt wird sie schön, unsere neue (virtuelle) Welt.

Von Reinhard Hübner

Sich einfach nur bewegen – das scheint in Zeiten des Homeschoolings schwieriger geworden zu sein

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