Heimatlos durch den Fußball – ein Weltmeister tritt ab

von Redaktion

Warum Andre Schürrle, die Spezialkraft der WM 2014, mit 29 Jahren Schluss macht – Nationalteam war sein Nest

VON GÜNTER KLEIN

München – Das Interview fand nach der WM 2014 statt, die deutsche Nationalmannschaft hatte sich zum ersten Länderspiel der neuen Ära versammelt, es war eine Fügung der langfristigen Terminplanung, dass es gleich wieder gegen Argentinien gehen würde, den Finalgegner von Rio de Janeiro.

Villa Kennedy in Frankfurt, das Hotel des Teams. Andre Schürrle bestellt sich einen Grüntee. Nicht mit Zucker, sondern mit Honig. Ist besser für die Abwehrkräfte, stärkt das Immunsystem, man müsse nur warten, bis der Tee ein wenig abgekühlt sei, damit er die guten Stoffe im Honig nicht zerstöre. „Ich hatte den kürzesten Sommer“, sagte er. Beim FC Chelsea war es zwei Wochen nach dem Ende der Weltmeisterschaft wieder losgegangen. Alle anderen Champions hatten viel längere Ferien. Ein paar Wochen später bekommt Andre Schürrle die Quittung dafür, dass ihm Erholungszeit fehlt, es geht los mit Erschöpfung, Fieber, Infekten.

Als er den frühen Höhepunkt seiner Karriere gerade noch genießen konnte, wurde ihr Niedergang schon eingeleitet. Nun erklärte Andre Schürrle im „Spiegel“, dass er sich zurückziehen wird vom Fußball. Er macht Schluss mit 29. Er flankiert seine Entscheidung mit ernsten Sätzen: „Verletzlichkeit und Schwäche dürfen zu keinem Zeitpunkt existieren.“ – „Die Tiefen wurden tiefer, die Höhepunkte weniger.“ – „Ich brauche keinen Beifall mehr.“

Es scheint, als habe sich der Lebensfluch, der die deutschen WM-Siegtorschützen verfolgt (Helmut Rahn, Gerd Müller, Andy Brehme, Mario Götze), auch ihn vorgenommen: den Co-Helden von Rio, den Vorlagengeber, der auf der linken Seite die Argentinier ausspielte und den „Er-macht-ihn“-Pass auf Götze schlug. Bei der WM in Brasilien war Andre Schürrle der zwölfte Stammspieler in der Elf von Joachim Löw. Eigentlich zu gut drauf, um ihn draußen zu lassen – aber als Joker zu wertvoll, um ihn nicht für diese Rolle zu nutzen. „Spezialkräfte“ nannte der Bundestrainer seine Einwechselspieler. Schürrle war die Superspezialkraft. Keinem anderen Spieler konnte man es so ansehen, wie er brannte. „Der Eindruck hat nicht getäuscht“, sagte er im Interview 2014. Er wusste um die Gunst der Stunde. Er war gesund, passte in den Fußball, der angesagt war. Er wurde mit drei Toren der erfolgreichste deutsche Joker bei einem WM-Turnier. Er schoss das 1:0 im fast missratenen Achtelfinale gegen Algerien, er zauberte bei der 7:1-Sensation von Belo Horizonte Brasilien zwei Bälle ins Netz. Und als im Endspiel der angeknockte Christoph Kramer nicht weitermachen konnte, brachte Löw Schürrle, der so gut Wind machen konnte. Mit 23 war Andre Schürrle aus Ludwigshafen Weltmeister.

Er hatte das Turnier seines Lebens gespielt, fand aber zum DFB-Team („Mein Nest“) nie den Verein seines Lebens. Der FSV Mainz 05, mit dem er unter Trainer Thomas Tuchel 2009 Deutscher A-Junioren-Meister geworden war, hätte es sein müssen. Doch Schürrle wurde zu schnell zu groß, um bleiben zu können. Er ließ die „Bruchweg Boys“, die er angeführt hatte, hinter sich. Leverkusen, Chelsea, Wolfsburg, Dortmund – mit seinen Ablösen bewegte er insgesamt 92,5 Millionen Euro. Zuletzt gingen mit ihm aber nur noch Leihgeschäfte: nach Fulham in England, zu Spartak Moskau.

Heimatlos zog Schürrle durch den Fußball, auch in Dortmund unter seinem früheren Mentor Thomas Tuchel ging es nicht mehr aufwärts. Immer öfter wurde der grundfreundliche und wohlerzogene Schürrle zur Zielscheibe des Spotts. In Stadien und im Netz. Warum nur?

Die Entscheidung zu dem Schritt, den er nun vollzog, sei „lange gereift“, sagt er im „Spiegel“. Fußball war kein Spaß mehr, dann braucht es auch keinen Fußball. Ein starker Abgang. Und ein ehrlicher. Er sagt: „All das Geld, was ich verdient habe, ist eine enorme Erleichterung.“

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