München – Ein bisschen Aufregung gab es gestern Vormittag um Jerome Boateng. Auf Instagram nämlich waren Bilder zu sehen, die den 31-Jährigen in einem Privatjet zeigten, der Kurs auf die griechische Insel Mykonos genommen hatte. An dem Tag also, an dem beim FC Bayern der erste Corona-Test nach dem Urlaub anstand, postete ein Kumpel von Boateng Fotos von der Landung. Unerlaubter Trip? Wohl eher verspätet veröffentlichte Fotos. Gestern Vormittag erschien Boateng wie der Rest des Teams zum Abstrich.
Vor rund einem Jahr hätte diese Mykonos-Anekdote – wenn sie denn so passiert wäre – ins Bild gepasst. Denn damals, also kurz nachdem Uli Hoeneß dem Weltmeister einen Wechsel nahegelegt hatte, hat Boateng seinen Job als Fußballprofi anders interpretiert als heute. Von einem Stammplatz war er weit entfernt, im Bayern-Kader fühlte er sich längst nicht mehr wohl, und Geschäfte und Aktionen neben dem Platz reizten ihn irgendwie mehr. Kaum einer hätte dem Weltmeister zugetraut, noch einmal so zurückzukommen. Ein Jahr vor seinem Vertragsende ist Boateng ja eine feste Größe und ein Lautsprecher – der nicht nur auf dem Rasen etwas zu sagen hat.
Pünktlich zur Vorbereitung auf die Champions League wurden beim FC Bayern die Vereinsmagazine „51“ ausgelegt – mit differenzierten Worten Boatengs. Zum Thema Rassismus sagte der Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters: „Sportler haben eine große Reichweite, und es gehört bei einem Vorbild dazu, dass man Verantwortung übernimmt.“ Konkret sprach er sich dafür aus, dass Sportler bei gesellschaftlichen Themen öfter ihre Stimme erheben müssen. Denn Zivilcourage sei für eine „funktionierende Gesellschaft gerade in diesen bewegten Zeiten wichtiger denn je“. Es sei „falsch, zu Hause auf der Couch zu sitzen und zu sagen: Mich geht das nichts an.“
Boateng ist immer wieder selbst mit Rassismus konfrontiert worden, er sagt, den „Schmerz“ könne man als nicht Betroffener nicht nachvollziehen. Seinen neunjährigen Töchtern versucht er, Selbstvertrauen zu vermitteln: „Werden sie oder Freunde von ihnen angefeindet, sollen sie das nicht in sich reinfressen, sondern versuchen, das in einem vernünftigen Austausch zu lösen.“ Er selbst will sich für antirassistische, integrative Projekte mit Kindern engagieren. hlr