Augsburg – Die Kader der Fußballproficlubs werden immer größer, Sonderheft-Fotos, auf die dann auch noch die Co-, Spezialtrainer und Physiotherapeuten mit ihren Behandlungskoffern drauf müssen, geraten zu Wimmelbildern. Eine Konstante dieser Aufnahmen: In der ersten Reihe Mitte sitzen die Torhüter. Allerdings auch hier: deutlicher Zuwachs. Drei Keeper hat jeder Verein da sitzen, eigentlich sind vier zur Regel geworden. Hätte der FC Augsburg jetzt Fototermin für die neue Saison, müsste er fünf Torleute unterbringen. Selbst bei den derzeit fast 40 Profiverträgen, die der FCA für sein zehntes Bundesligajahr zu erfüllen haben wird, sind die Männer, die die Nummer eins sein wollen, noch überrepräsentiert.
Dass dem so ist, wird vor allem Sport-Geschäftsführer Stefan Reuter angelastet. In der Branche schlägt ihm zwar Respekt entgegen,weil er seit seinem Amtsantritt im Dezember 2012 den FCA vom Abstieg immer fern hielt und er angesichts der finanziellen Mittel somit overperformte. In Mitglieder- und Fankreisen werden die Stimmen gegen Reuter aber lauter, einen Pro-Reuter-Lesebrief gab es in der regionalen Presse schon länger nicht mehr, zuletzt schrieb einer, er werde nicht mehr ins Stadion gehen, solange Reuter seinen Job habe. Verantwortlich macht man den Manager vor allem für die Torhütersituation.
Bis 2017 war Augsburg dank des Schweizers Marwin Hitz sorgenfrei. Bevor er ins letzte Vertragsjahr ging, wollte Reuter ihn verkaufen und rechnete mit Angeboten aus der Bundesliga und England. Doch Hitz blieb noch das Jahr, zum 1. Juli 2018 wechselte er ablösefrei zu Borussia Dortmund.
Reuter hatte 2017 aber schon den Schalker und Ex-Düsseldorfer Fabian Giefer verpflichtet, doch da Hitz noch da war und auch der bisherige Ersatzmann Andreas Luthe, blieb Giefer ohne Bundesligaeinsatz, dreimal half er bei den Amateuren in der Regionalliga aus. 2018/19 rief der damalige Trainer Manuel Baum einen Zweikampf zwischen Giefer und Luthe aus. Giefer gewann, doch spielte so fehlerhaft, dass Baum ihn unter Tränen nach vier Partien aus dem Tor nahm. Das besetzte fortan Luthe – bis man zur Rückrunde den Hoffenheimer Gregor Kobel verpflichtete, der nach dem halben Jahr aber lieber in die 2. Liga zum VfB Stuttgart ging.
Weder Fabian Giefer noch Andreas Luthe traute Reuter zu, eine stabile Nummer eins zu sein, weswegen er für 2019/20 kurz vor dem Saisonauftakt den Tschechen Tomas Koubek verpflichtete. An Stade Rennes zahlte man 7,5 Millionen Euro. Man klammerte sich an eine gute Saison, die Koubek 2017/18 gespielt hatte und ignorierte die schlechten Werte 2018/19. Koubek wurde seine Unsicherheiten nicht los – und verlor seine Position an Andreas Luthe. Der wurde in der Geisterspiel-Phase zum Rückhalt der Augsburger. Im leeren Stadion konnte man gut die „Super, Andy“-Anfeuerungen von Reuters für die Finanzen zuständigen Kollegen Michael Ströll hören.
Torwarthierarchie zum Ende der Saison: Luthe (33) vor Koubek (27) vor Giefer (30) und Benjamin Leneis (21), einem Eigengewächs, dem man die Bundesliga auch zutraut. Alle vier können auf Verträge mit dem FCA verweisen (Giefer 2021, Luthe 2022, Leneis 2023, Koubek 2024), der dennoch einen weiteren Torhüter verpflichtete: Rafal Gikiewicz (32) von Union Berlin. Anspruch: Nummer eins.
Gikiewicz – Koubek – Leneis. So plant offensichtlich die FCA-Führung. Sie müsste also Giefer und Luthe loswerden. Giefer würden die Fans nicht nachweinen, ein erzwungener Abschied von Luthe würde sie aufbringen. Er ist am längsten da (seit 2016), hat sich klaglos jedem Konkurrenzkampf gestellt, eigentlich nie schlecht gehalten, wenn er halten durfte, und ist eine Persönlichkeit, die sich sozial engagiert. Auch in der neuen Interessenvertretung der Profis um Mats Hummels gehört Luthe zu den führenden Köpfen.
Klar ist: Reuter will nicht einräumen, dass ihm mit Koubek ein Fehlgriff unterlaufen ist. Er erzählt aus seiner Spielerzeit in Dortmund: „Da gab es viele, die sich in der ersten Saison schwer getan haben und dann zehn Jahre geblieben sind.“
Einen Verantwortlichen dafür, dass aus Giefer nichts wurde und Koubek in seiner ersten Saison daneben griff, hat der FCA im langjährigen Torwarttrainer Zdenko Miletic gefunden. Für ihn gab es keine Vertragsverlängerung. Sein Nachfolger Kristian Barbuscak vom Zweitligisten Regensburg. GÜNTER KLEIN
Tomas Koubek: Schwache Saison, Vertrag bis 2024