Training im dunklen Ballsaal

von Redaktion

Strenger als die Bundesliga: Wie die NBA ihre Saison zu Ende bringen will

VON JULIAN NETT

München – Die Corona-Pandemie fordert so viele Opfer wie nirgendwo sonst, Rassismus-Debatten spalten die Gesellschaft – die USA stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Die nordamerikanische Basketball-Liga NBA hat sich deshalb an einem Ort isoliert, wie geschaffen, um dieser traurigen Realität zu entfliehen: Disney World in Orlando/Florida.

Doch in der Blase, die sich die NBA mit den Kollegen der MLS (Fußball) teilt, die bereits wieder in den Spielbetrieb eingestiegen sind, erinnert derzeit wenig an Magie und Zeichentrickfiguren. „Du kannst nirgends hingehen, ohne an Corona erinnert zu werden“, berichtet Doc Rivers, Cheftrainer der LA Clippers. Überall müsse man sich anmelden, ständig bekäme man die Temperatur gemessen, jeder trage eine Maske. Die Clippers sind morgen (21.00 Uhr MESZ) die ersten, die nach vier Monaten wieder ein „Heimspiel“ bestreiten. Die Mannschaft empfängt, 3500 Kilometer von der Heimat entfernt, ausgerechnet Orlando.

Die Spieler müssen in Form kommen. Schließlich steht am 30. Juli der offizielle Neustart der NBA an – mit täglich bis zu sechs Partien in drei verschiedenen Hallen. Seit Monatsbeginn befinden sich die Teams in der Heimat von Mickey Mouse & Co. „Nichts fühlt sich normal an. Wir mussten am Anfang 48 Stunden im Zimmer bleiben“, erzählt Maxi Kleber von den Dallas Mavericks. Zwei negative Corona-Tests waren notwendig, um trainieren zu dürfen. Die Bundesliga hat vorgemacht, wie es funktioniert, doch sind beide Hygienekonzepte kaum miteinander zu vergleichen. 22 statt zehn Teams müssen in Orlando untergebracht werden, 37 statt 22 Personen sind pro Mannschaft erlaubt.

Die unterschiedlichen Größenordnungen spiegelt auch das Regelwerk wider. 42 Seiten hatte die deutsche, 113 die NBA-Version. Strengere Regeln gibt es auch beim Mund-Nase-Schutz. Während die Bundesligaprofis ihre Masken beiseite legen durften, ist es den NBA-Spielers nur in Ausnahmefällen erlaubt, ihr Gesicht zu enthüllen: beim Essen, beim Training und auf dem eigenen Einzelzimmer. Um Verstöße zu melden, hat die NBA eine anonyme Hotline eingerichtet.

Alles soll glatt laufen, damit die New Orleans Pelicans am 30. Juli auf die Utah Jazz treffen und den Kampf um die Playoffs (ab 17. August) eröffnen können. Die Favoriten auf den Einzug in die Finals (ab 30. September) sind jedoch andere: Die Clippers, die Lakers und die Milwaukee Bucks.

Kurios: Die Trainingseinheiten finden in einem Ballsaal statt. „Das ist ein bisschen komisch, etwas dunkel“, sagte Kleber. Um den Teams dennoch Heimatgefühle zu vermitteln, wurden die original Holzböden – unter anderem der Dallas Mavericks – in die Säle gebaut. So umständlich sich vieles darstellt, so umfangreich sind die Freizeitmöglichkeiten. Das Angebot reicht von einer 18-Loch-Anlage für Hobby-Golfer über Tischtennis – Doppel sind ausdrücklich nicht erlaubt – bis hin zum Angeln.

Auch Kleber posierte schon mit dickem Fang und probierte sich sogar als DJ. Der Anfang seiner Karriere am Mischpult war jedoch geschummelt. Die Musik legte der 28-Jährige erst später unter das Video, das er vom Balkon im Grand Floridian aus aufnahm.

Das Hotel ist eine von drei Unterkünften, in denen die 22 Teams drei Monate lang leben. Genächtigt wird zudem im Yacht Club und im Gran Destino Tower. Aufhalten dürfen sich die Teams nur im eigenen Hotel. Kleber kann zumindest Dennis Schröder besuchen, der mit Oklahoma ebenfalls im Grand Floridian haust. Zumindest so lange er noch da ist. Der 26-jährige hatte angekündigt, die Blase für die Geburt seines zweiten Kindes zu verlassen. Der Geburtstermin soll in der zweiten August-Woche liegen. Ein Wiederkommen ist möglich -nach einer zehntägigen Quarantäne.

Die Umstände sind gewöhnungsbedürftig. „Ich nehme das alles an. Für mich geht es um den Prozess“, sagt Lakers-Star LeBron James. „Ich bin nur aus einem einzigen Grund hier: den Titel zu gewinnen.“

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