Lassie, Fury, Flipper – die Deutschen mochten Geschichten von Tieren, die Außergewöhnliches vollbringen. Doch Lassie, Fury und Flipper waren Fiktion. Halla dagegen war echt. Der bekannteste tierische Held Deutschlands.
Halla war eine Stute. Eingesetzt zunächst als Rennpferd, dann bei der Military. Doch kein Reiter kam mit ihr zurecht, sie war widerspenstig. Dann kam sie zu Hans Günter Winkler, dem aufstrebenden Springreiter. Die wundersame Geschichte begann – und erlebte 1956 ihren Höhepunkt. Die Olympischen Spiele fanden in Melbourne statt, weil Pferde aber in Quarantäne gemusst hätten, wurden die Reitwettbewerbe in Stockholm ausgetragen.
Was dort geschah, das wusste in den 50er- und 60er-Jahren jedes Kind. Halla trug im zweiten Durchlauf ihren Reiter Hans Günter Winkler, der schwer verletzt im Sattel hing, ohne dessen Zutun über den Parcours. Sie waren das einzige fehlerfreie Paar über die 14 Hindernisse. Winkler gewann Einzelgold und sicherte der Mannschaft, zu der Fritz Thiedemann und Alfons Lütke-Westhues gehörten, ebenfalls den Olympiasieg.
Im ersten Durchlauf hatte Winkler einen Fehler begangen: „Halla sprang sehr explosiv. Deshalb habe ich sie vor dem vorletzten Hindernis im Tempo zurückgenommen. Beim Sprung mache ich dann die Beine zu – und bäng war meine Leiste kaputt.“ Winkler hatte sich einen Leistenbruch und Bauchmuskelriss zugezogen. Er wollte aber nicht aufgeben, ließ sich ein Zäpfchen gegen die Schmerzen geben. Man hob ihn in den Sattel, als er wieder dran war. „Ich war wie im Nebel – und habe Halla an der langen Leine gelassen. Die Stute muss gewusst haben, was zu tun ist – sie ist um ihr Leben gesprungen.“
Das konnten die Deutschen schon live sehen, kommentiert von Hans-Heinrich Isenbart, damals 33 und in seinem ersten Einsatz fürs TV. Vermutlich hat es in Deutschland nie einen Journalisten gegeben, den man so innig mit dem Reitsport verband. 50 Jahre war er Stadionsprecher beim CHIO in Aachen. Ein Pferdefreund – und ein Mann, der mit seinen Schilderungen Bilder schuf. Im Falle von Halla 1956: Das Übertier, das handelt wie ein Mensch. Das menschliche Züge zeigt.
Aus seiner Reportage: „Halla, was geht in dir treuem Pferd vor? Alle unsere Wünsche und Hoffnungen sind bei dir. Wir springen mit dir, spring du in den Himmel. . . Sie sagt: ,Über den Oxer, da lach ich doch’ – und sie lacht tatsächlich. . . Über den Wassergraben, sie drückt ab. Halla sagt: ,Nichts passiert.’ . . . Und nun hat er noch die dreifache Kombination, geht hinein, wischt über den Steilsprung, geht über den Oxer, und jetzt verzeihen Sie, wenn ich es sage: Aber Halla lacht noch immer, Man merkt, sie hat eine Ahnung, worum es sich hier handelt. Halla sagt: ,Nun kommt das Gatter, viele Fehler kann ich nicht mehr machen, lass mich in Ruh, dann geh ich drüber hinweg.’ Der letzte Sprung. Und Halla lacht, als wüsste sie, um was es geht.“ Der 17. Juni 1956 – ein großer Tag für den deutschen Sport und auch das Medium Fernsehen. 1954, die Fußball-WM mit dem deutschen Finalerfolg, war noch ein Radio-Erleben gewesen.
Die Aufzeichnung des Gold-Ritts, den das Pferd im Grunde völlig allein bestreitet, sind erhalten geblieben. Halla und Hans Günter Winkler („HGW“) wurden zum Mythos.
„So eine Stute hat es nie mehr gegeben“, sagte Winkler über Halla, die sagenhafte 34 Jahre alt wurde. In Warendorf ist eine Straße nach ihr benannt, es gibt ein Halla-Denkmal. Winkler war noch zwanzig Jahre höchst erfolgreich im Sattel und später Veranstalter von Reitsport-Events. Er starb 2018, er wurde 91 Jahre alt.
Hans-Heinrich Isenbart entwickelte Fernsehkonzepte, war Sportkoordinator der ARD und schrieb unablässig Bücher übers Reiten. Die Pferdesport-Szene trauerte um ihn, als er 2011 mit 88 starb. Er hatte dazugehört.