München – Jadon Sancho, Jude Bellingham – junge Engländer stehen in der Bundesliga hoch im Kurs. Dabei verfügt auch Deutschland über großes Potenzial im Nachwuchs. Erst vor wenigen Wochen kürte sich Leverkusens Florian Wirtz mit 17 Jahren und 34 Tagen zum jüngsten Torschützen im deutschen Oberhaus. Sein 21-jähriger Mannschaftskamerad Kai Havertz ist sogar drauf und dran, zum neuen Exportschlager der Liga zu werden. Wie es insgesamt um unseren Nachwuchs bestellt ist? Unsere Zeitung hat bei Manuel Baum nachgefragt. Der Ex-Trainer des FC Augsburg ist seit 2019 für die U 20 des DFB verantwortlich und begegnet herausragenden Talenten.
Herr Baum, wie gut ist der deutsche Fußball-Nachwuchs?
Nicht so schlecht, wie er von einigen Seiten gemacht wird. Man hat ja gesehen, dass seit dem Restart der Bundesliga und während der Corona-Pandemie vermehrt Nachwuchsspieler eingesetzt wurden. Ein gutes Beispiel ist Florian Wirtz von Bayer Leverkusen als Jahrgang 2003. Unsere Aufgabe ist es, aus dem vorhandenen Talent solcher Spieler Qualität zu generieren. Wir haben hoch talentierte Spieler in Deutschland, aber wir machen zu wenig daraus.
Warum?
Es geht unter anderem darum, das Potenzial der Spieler zu erkennen und auch zu entfalten. Klar liegt es auch am Spieler, was er aus seinen Fähigkeiten macht. Aber wir müssen auch das System hinterfragen und uns immer wieder Gedanken machen, wie wir die fußballerische Ausbildung unserer Talente optimieren können.
Wen meinen Sie mit „wir“?
Im Endeffekt wirken unglaublich viele Menschen auf die Jungs ein: Trainer, Staff, Eltern, Berater, Vereine, Verband. Jeder zieht am Spieler und verfolgt seine Interessen. Hinzu kommt die schulische Komponente, die auch enorm wichtig ist. Die entscheidende Frage ist: Ziehen alle in die gleiche Richtung? Das müssen alle Beteiligten unbedingt tun, um die Entwicklung des Spielers in den Mittelpunkt zu rücken. Es ist schade, wenn letztlich nur ein Bruchteil der Jungs sein Potenzial auf den Platz bringt.
Was sagen Trainer oder Sportdirektoren, wenn Sie diese Leute damit konfrontieren?
Im Endeffekt signalisiert jeder Bereitschaft, etwas zu verändern. Aber es ist eben so, dass man auch in gewissen Systemen gefangen ist.
Inwiefern?
Nehmen wir mal einen jungen Trainer, dessen Ziel die Bundesliga ist, als Beispiel. Wenn er im Nachwuchs tätig ist, kann es durchaus vorkommen, dass er extrem ergebnisorientiert arbeitet, weil er beruflich vorankommen möchte. Im leistungsorientierten Nachwuchsbereich ist der Trainerberuf ja ein Hauptjob, und wenn man damit eine Familie ernähren muss, schaut man auch primär auf die Ergebnisse. Selbst wenn man weiß, dass die Entwicklung des Spielers vielleicht darunter leidet. Und sollte man an diesem System etwas schrauben, dass das Ergebnis nicht mehr so sehr im Vordergrund steht, kann man aus den einzelnen Spielern auch mehr herausholen. Da denken alle gleich.
Man kann in der U 17 oder U 19 aber schlecht den Wettbewerb aussetzen.
Da muss man differenzieren, klar. Irgendwann müssen die Spieler ja auch lernen, ergebnisorientierter zu spielen und mit einem gewissen Druck umzugehen. Aber in den jüngeren Jahren sollten andere Themen ganz oben stehen: Kkleine Spielformen, viele Ballaktionen, Spielfreude, eine gewisse Bolzplatz-Mentalität. In dem „Projekt Zukunft“ macht sich der DFB gemeinsam mit der DFL auch zu diesen Themen viele Gedanken. Wir müssen heute die Grundlagen legen, um die Welt- und Europameister von morgen auszubilden.
Dafür schaut man sich viel bei anderen Nationen wie Frankreich, Belgien oder England ab.
Es ist immer gut und wichtig, eine Benchmark festzulagen. Schauen Sie nach Frankreich: Dort sind die Spieler in der U 15 in einem sogenannten „Department“ unter der Woche versammelt und werden eine Zeit lang zentralisiert trainiert. In England hat der Nachwuchs bis zur U 15 ebenfalls keinen Wettbewerb. Dort sind die Strukturen aber andere, und es wird viel von der Premier League an sich geleitet. Wir in Deutschland haben bestimmte Werte, die uns seit Jahren prägen. Diese Werte gehören zu unserer Identität dazu, deswegen sollten wir auch einen eigenen Weg gestalten. Aber: Wenn jemand anderes etwas gut macht, warum soll man nicht bestimmte Dinge herausgreifen und übernehmen.
In Deutschland ist es schwierig, Kinder frei aufspielen zu lassen. Jeder Verein und auch der DFB verfolgt eine Spielphilosophie, an der sich der Nachwuchs orientieren soll.
Ich zitiere an dieser Stelle gerne einen ehemaligen Bundesligaspieler von mir, der meinte: ,Trainer, wir brauchen unbedingt die Vorgaben, aber wir wollen auch frei sein.’ Das spiegelt den ganzen Komplex ja gut wider. Wir müssen allerdings aufpassen, egal ob im Jugend- oder Erwachsenenbereich, dass wir Freude und Kreativität nicht abtrainieren.
Unterscheidet sich die Philosophie des Bundesliga-Trainers Manuel Baum von der des DFB-Trainers Manuel Baum?
Ich lasse grundsätzlich einen modernen und begeisternden Fußball spielen und möchte als Trainer innovativ arbeiten. Das deckt sich auch mit dem Spielverständnis beim DFB. Hinzu kommen natürlich Grundsätze wie eine kompakte Defensivarbeit und ein zielstrebiger Zug zum Tor. Die entscheidende Aufgabe aber lautet, herauszufinden, welche Spielidee am besten zu meiner Mannschaft passt.
Sie haben Ihren Vertrag als Trainer beim DFB kürzlich verlängert. Haben Sie keine Angst, dass Sie vom Bundesliga-Radar verschwinden?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Natürlich wird es mich irgendwann mal wieder in die Bundesliga ziehen, aber durch den Schritt zum DFB bin ich ein noch besserer Trainer geworden. Man hat im Verband die Ressourcen, sich abseits vom Tagesgeschäft weiterzubilden, über den Tellerrand zu blicken und mit seiner Mannschaft neue Aspekte auszuprobieren. Wenn ich sehe, dass die Jungs aus der U 20 nun ihre nächsten Karriereschritte machen, freut mich das enorm. Für mich ist es auch interessant, einen Top-Überblick über Talente in Deutschland und Europa zu haben. Und über allem steht: Mir ist wichtig, dass ich das, was ich mache, mit 100-prozentiger Überzeugung mache.
Interview: Manuel Bonke