Eigentlich sahen meine Pläne anders aus für dieses Jahr. Eigentlich wollte ich in diesen Tagen bei den Olympischen Spielen in Tokio starten und danach in mich und meinen Körper hineinhören, ob und wie es mit mir und dem Leistungssport weitergehen soll. Daraus wurde bekanntlich nichts. Die Corona-Krise hat mein Leben und das vieler anderer Sportler gehörig durcheinandergewirbelt, bei mir herrschte die letzten Wochen und Monate ein echtes Gefühlschaos. Zu akzeptieren, dass mein ursprünglicher Jahresplan nicht aufgeht, bedurfte eines gewissen gedanklichen Prozesses. Als ich mich damit und mit der Tatsache, dass es in dieser Saison keine Wettkämpfe geben wird, abgefunden hatte, wurden uns plötzlich doch Rennen in Aussicht gestellt. Das wollte ich zuerst gar nicht hören und nicht wahrhaben. Wahrscheinlich eine Form von Selbstschutz. Aber dann habe ich gemerkt, dass es im Training sehr gut läuft und habe mich mehr und mehr an die Situation gewöhnt. Durch den Olympia-Wegfall brauchte es ein neues Ziel, und das habe ich unter anderem mit den Deutschen Meisterschaften am 8./9. August in Braunschweig gefunden. Ich will dort meinen Titel über die 800 Meter verteidigen. Außerdem reizen mich Duelle mit der internationalen Konkurrenz, so wie diesen Freitag (heute, d. Red.) beim Meeting in Bern. Da durch die fehlenden Zuschauereinnahmen und den Rückzug von Sponsoren wenig Budget zur Verfügung steht, gibt es bei den Rennen kein Startgeld und keine große Siegprämie. Das ist nicht schön, in der aktuellen Situation aber wohl alternativlos. Und glücklicherweise bin ich über meine Anstellung als Sportsoldatin bei der Bundeswehr, die das Gehalt weiterzahlen wird und möchte, gut abgesichert. Die Entscheidung, wie es 2021 weitergeht, hat mir die Pandemie abgenommen. Denn dass ich bis Tokio 2021 weitermache, versteht sich von selbst, zumal meine erfolgreiche Qualifikation bestehen bleibt. Und daran anschließend möchte ich unbedingt auch die Heim-EM 2022 in München als aktive Sportlerin erleben. Nach der Abgabe meiner Masterarbeit Ende April habe ich also beschlossen, noch einmal zwei Jahre alles in den Sport zu investieren.
Zur Person: Die gebürtige Münchnerin Christina Hering, 25, zählt zu Deutschlands Topläuferinnen auf den Mittelstrecken. Ihre Hauptdisziplin sind die 800 m. Die 1,85 m große Athletin startet für die LG Stadtwerke München.