München – Ulla Koch hat die Dokumentation, über die ihre Branche seit Wochen spricht, erst vor wenigen Tagen gesehen. „Die Technik“, erzählt die Bundestrainerin der deutschen Turnerinnen, musste erst mal funktionieren. „Netflix“, den Streaming-Dienst, den die jungen Leute von heute gerne nutzen, hatte sie bisher nicht. Aber für den gut zweistündigen Film über den Missbrauchsskandal, der die Kolleginnen in den USA seit 2016 erschüttert, hat sich die 65-Jährige ein Probeabo zugelegt. Sie hat ihn also nun angeschaut, so wie all ihre Athletinnen, und sagt: „Ich hatte eine Kloß im Hals. Aber den habe ich bei diesem Thema von Beginn an gehabt.“
In der Tat sind diese 134 Minuten unter dem Namen „Athlete A“ erschütternd. Weil sie – wie schon die erste Dokumentation über Larry Nassar unter dem Namen „At The Heart Of Gold“ – zeigen, was eigentlich unfassbar ist. Dass ein Teamarzt jahrzehntelang mehr als 250 Turnerinnen missbrauchen kann, während ein Verband demonstrativ wegsieht. Dass Trainer, Betreuer und Funktionäre eingeweiht sind, aber zu ihrem eigenen Vorteil untätig bleiben. Dass Opfer, die sich mitteilen wollen, aus dem Kader geschmissen werden. All das in dem Land, in dem Turnen ein Volkssport ist und die „Golden Girls“ um Simone Biles Superstar-Status haben. Sie sollen Medaillen liefern und strahlen. Obwohl sie Qualen leiden, die ihr Leben bis weit nach der aktiven Karriere bestimmen.
Koch und ihr Team haben die US-Girls bei diversen Wettkämpfen gesehen, seitdem der Skandal nach und nach aufgedeckt wurde. „Wir alle haben so viel Empathie, dass wir mitleiden“, sagte sie. Als „verstörend“ bezeichnet die deutsche Chefin die Geschehnisse, die das Turnen in ein anderes Licht gerückt haben. Auch aus der Schweiz und zuletzt aus England hörte man Vorwürfe von Spitzenathletinnen. Die britischen Weltklasse-Turnerinnen Becky und Ellie Downie sprachen von „einem Umfeld der Angst und des mentalen Missbrauchs“. Auch Koch ist durchaus bewusst, dass es um „psychische wie sexuelle Gewalt geht“ – und sie hat eine Hoffnung: „Dass andere Länder aus all dem, was leider passiert ist, lernen.“
Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat bereits vor zwei Jahren, als der Skandal um Nassar immer größer wurde, die Initiative ergriffen. „Unmittelbar“, sagt Koch, habe man „auf die Veröffentlichungen aus den USA reagiert.“ In Workshops mit Trainern und Athleten im Frauen- und Männerbereich wurden die Protagonisten des deutschen Systems sensibilisiert. „Wir haben sortiert und definiert: Was ist Gewalt? Wo sind Grenzen? Was ist strafbar?“, erzählt Koch. Als zentrales Element wurde die „offene Kommunikation“ angepriesen, jeder solle zudem „wachsam“ sein. Koch, seit 15 Jahren Cheftrainerin, sagt aber aus voller Überzeugung: „In unserem Nationalteam kann ich mir Vorfälle dieser Art nicht vorstellen.“ Jeder – also Trainer, Turner, Ärzte und Physiotherapeuten – sei eng mit allen vernetzt und im „regen Austausch. Alle wissen über alles Bescheid.“
Dass das Turnen – als zeitintensiver Sport ab dem Kindergarten-Alter, mit viel Körperkontakt zum Trainer bei Hilfestellungen – Gefahren birgt, ist dennoch bekannt. Früher als geplant ist daher vor wenigen Wochen ein gemeinsam mit der Deutschen Turnerjugend erarbeitetes Präventionskonzept in Kraft getreten. Zentrale Bedeutung hat die Berufung einer Ombudsperson, als welche die Kölnerin Britt Dahmen fungiert. Sportler und Sportlerinnen, die sich unter Druck gesetzt oder missbraucht fühlen, finden in ihr eine unabhängige Gesprächsperson.
Athleten-Sprecherin Kim Bui begrüßt das Konzept, das laut Koch „aus dem gesamten DTB entwachsen ist“. Der zweitgrößte Sportverband in Deutschland hat sich zur Aufgabe gemacht, das Thema „in die Vereine zu tragen“, wo mehr als fünf Millionen Deutsche sportlich aktiv sind. Koch sagt: „Ich kenne so viele tolle Trainer.“ Mit Blick auf das deutsche System hat sie keinen Kloß im Hals.