München – Leon Echtermanns Beine brannten höllisch. Er stieg kurz ab, übergab sich – und fuhr dann weiter. Der 23-jährige Radsportler meisterte im Mai die „300×300-Challenge“, legte 300 Kilometer mit einer durchschnittlichen Leistung von über 300 Watt zurück. Echtermann, der für das Holzkirchner Radsportteam Maloja Pushbikers startet, hat Spaß daran, seinem Körper alles abzuverlangen. Nun strebt er sogar nach einem Weltrekord. Am heutigen Samstag stellt er sich einer 24-Stunden-Herausforderung: Mit dem Gravel Bike, einer Mischung aus einem Straßenrennrad und einem Mountainbike, möchte der gebürtige Hesse ohne Unterbrechung einen Tag lang durch den Hofoldinger Forst fahren. Unser Gespräch mit dem Extrem-Radler:
Herr Echtermann, was reizt Sie an diesen Extremen?
Ich bin prinzipiell ein Typ für Extremsituationen, der nicht so viel auf Trainingspläne gibt. Ich fahre frei Schnauze und habe Spaß daran, was Verrücktes zu machen. Die Idee kam bei einem Telefonat von Teamchef Christian Grasmann und mir auf. Ich habe gesagt, dass ich gerne mal 24 Stunden fahren würde, eventuell auch mit der Intention Weltrekord. Da meinte er: „Warum machst du es nicht einfach mit dem Gravel Rad. Da gibt es noch keinen.“
Wie bereitet man sich vor?
Ehrlich gesagt gar nicht. Ich bin mehr mit dem Gravel Bike gefahren, die letzten sieben Tage eigentlich nur noch. Extra trainiert habe ich nicht, weil ich dieses Jahr wegen Corona viele lange Strecken gefahren bin. Die längste Tour dauerte knapp über zehn Stunden.
Dann haben Sie jetzt mehr als das Doppelte vor sich.
Genau. Ich habe aber Unterstützung vom Team und von Freunden. Einige werden mich nachts – auch aus Sicherheitsgründen – ein Stück begleiten und motivieren. Dadurch, dass es ein inoffizieller Weltrekord ist und es bis jetzt keinen gibt, ist das relativ locker. Mein persönliches Ziel ist, 600 Kilometer zu schaffen. Das sind genau 25 km/h und ist relativ realistisch.
24 Stunden am Stück auf dem Fahrrad zu sitzen wird nicht möglich sein. Wann steigen Sie zwischendurch mal ab?
Wenn ich den Akku der Lichter tauschen muss oder einen Platten haben sollte, was auf dem Gravel Bike gar nicht so unwahrscheinlich ist. Das kann im Wald schnell passieren. Wenn ich zwischendurch aufs Klo muss, werde ich sicher auch die ein oder andere Minute verschwenden müssen. Und eventuell, um ein paar Riegel in die Taschen zu packen und die Verpackungen rauszuschmeißen. Essen werde ich, so weit es geht, während des Fahrens. Der optimale Plan wäre, das alles auf dem Rad durchzuziehen.
Was sagen Ihre Radsport-Kollegen zu dieser Aktion?
Die halten mich für verrückt. Ich glaube, die wenigsten hätten da Lust drauf. Am Anfang war ich auch skeptisch, das schien mir bei Nacht auch ein bisschen zu gefährlich. Aber geplant ist, dass ich immer eine Person zur Begleitung dabeihaben werde. Es wird eine schöne, spaßige Aktion. Natürlich mit vielen Qualen, aber das macht ja Spaß.
Das würde nicht jeder so sehen …
Das ist auch der Grund, warum mich alle für verrückt halten.
Geht es Ihnen um die Aktion an sich – oder um das Gefühl danach?
Es ist das große Ganze. Die Atmosphäre, das Event, das gemeinsame Fahren mit den Kollegen, das Gefühl im Nachhinein, dass man es eventuell Weltrekord nennen kann, das Glücksgefühl, wenn ich mein persönliches Ziel von 600 Kilometern erreiche. Aber auch der Spaß, einfach nur nachts Fahrrad zu fahren, den Sonnenunter- und -aufgang zu sehen. Ich stelle mir öfter mal nachts den Wecker, einfach weil es so schön ist. Also da bin ich wirklich verrückt.
Interview: Julian Nett