„Wo ist Behle?“

von Redaktion

Als an einem Sonntagnachmittag 1980 ganz Deutschland im ZDF einen Skilangläufer suchte

VON GÜNTER KLEIN

Es ist die einfachste Frage, die es geben kann: Wo ist XY?

Ein superkurzer Satz. Ohne Tiefe. Trotzdem hat er eine fantastische Karriere hingelegt. Und den, nach dem gefragt wird, bekannter gemacht, als er es sonst geworden wäre. Und den, der die Frage stellte, so hoch katapultiert, wie der es niemals angestrebt hatte.

„Wo ist Behle?“

Der Satz ist in der Erinnerung derer abgespeichert worden, die ihn live hörten – am 17. Februar 1980, einem Sonntag. Es waren Olympische Winterspiele in Lake Placid in den USA, Bundesstaat New York, Startzeit 9.00 Uhr – in Deutschland der Nachmittag. Beste Sendezeit. Im Programm: Live-Übertragung vom Skilanglauf, 15 Kilometer der Männer. Am Mikrofon: Bruno Moravetz, die Stimme des ZDF im Nordischen Skisport. Auch Bergsteiger war er gewesen, mit dem jungen Reinhold Messner im Himalaya unterwegs. Dabei wäre er fast umgekommen.

In Langlauf-Wettbewerbe gehen westdeutsche Athleten ohne Medaillenaussichten. Bei vergangenen Spielen hatte es immer den inoffiziellen Titel des besten Mitteleuropäers gegeben, der an Walter Demel ging. Gegen Skandinavier und Staatsamateure aus dem Ostblock war er ein kleines Lichtlein. Und auch die Zipfel-Brüder (Wie der „Kicker“ einmal so schön schrieb: „Ein Zipfel kommt selten allein“) hatten nicht die Klasse, die internationale Hierarchie umzukrempeln. Es konnte aus deutscher Sicht sich also gar nichts ereignen über die 15 Kilometer.

Und dann geschah doch etwas. Nur: Man sah es nicht.

Skilanglauf war damals noch eine sehr statisch wirkende Angelegenheit. Die Läufer waren in der langsamen Paralleltechnik unterwegs, das Skating war verpönt und setzte sich erst später durch. Und es gab keine Massenstartrennen. Gestartet wurde in Zeitabständen, jeder lief allein gegen die Uhr. Die Umsetzung im Fernsehen: Ein einsamer Läufer wurde kurz vor einem Punkt, an dem eine Zwischenzeit gemessen wurde, von der Kamera eingefangen und der internationalen Regie ins Bild gesetzt. Es erschien dann ein aktualisiertes Klassement.

Nach fünf Kilometern hatte einer die beste Zeit, den niemand kannte. Ein Deutscher. 19 Jahre alt, aus Willingen im Sauerland, Startnummer 40. Er war einfach losgestürmt, um nicht gleich eingeholt zu werden, denn die großen Namen, die starteten alle nach ihm.

Nun kam der Zwischenstand nach 5 Kilometern: 1. Jochen Behle, Federal Republic of Germany. Im Bild tauchte er aber nicht auf. Das US-Fernsehen, das das Weltsignal erstellte, zeigte ihn einfach nicht. Wenn es zu einer Zwischenzeitnahme schaltete, war Behle schon wieder durch.

Bruno Moravetz saß in seiner Reporterkabine im Zielraum, auch er war, um Eindrücke von der Strecke draußen in den Wäldern liefern zu können, auf die Fernsehbilder angewiesen. Er fragte, und es klang flehentlich: „Wo ist Behle?“ Einige Male war dieser Satz zu vernehmen. Das deutsche Fernsehpublikum suchte mit. Irgendwann rutschte Behle in den Zwischenzeiten nach unten, weil dann die ganz Guten kamen: Juha Mieto mit der Nummer 54, Thomas Wassberg mit der 68. So unbemerkt von den Kameras, wie er gelaufen war, huschte Behle schließlich ins Ziel – am Ende wurde er respektabler Zwölfter mit einem Rückstand von zwei Minuten und 19 Sekunden. Bester Mitteleuropäer, der neue Walter Demel. Später wurde er Bundestrainer.

International berühmt wurden die 15 Kilometer von Lake Placid wegen des Kampfs um Gold. Mieto, der große bärtige Finne, war angekommen, lag auf Platz eins, nur noch der Schwede Wassberg konnte ihm gefährlich werden – die Uhr hielt eine Hundertstelsekunde vor Mietos Richtzeit an.

„Eine Hundertstel“ – es war ein weiterer großer Moment, wie Moravetz das Ende begleitete, in dem Tragödie und Glückseligkeit aufeinandertrafen. „Mora“ war in seinem Element, er machte die damaligen Stars wie den Finnen Harry Kirvesniemi oder die Norweger Ove Aunli und Odvar Braa zu guten Bekannten seiner Zuhörer.

Lake Placid und „Wo ist Behle?“ schoben seine Karriere im ZDF an. Mit 58 beförderte man Moravetz zum Moderator des Aktuellen Sportstudios. Doch es war die falsche Aufgabe für ihn. Er war mehr einer für das Mikrofon als die Kamera. Er ließ das mit dem Sportstudio wieder sein.

Wer die Originalreportage von 1980 in den Weiten des Internets sucht, wird nicht fündig. Es gibt nur Schnipsel davon – wie jenen, den Deutschpopstar Marius Westernhagen 1998 verwendete. „Behle hamwer noch nicht geseh’n. Wo ist Behle?“ Mit diesem Moravetz-O-Ton fängt ein Lied auf dem Album „Radio Maria“ an. Es heißt: „Wo ist Behle?“

Wie oft „Wo ist Behle?“ vor 40 Jahren tatsächlich gesagt wurde? Ein früherer ZDF-Redakteur verriet einmal in kleinem Kreis, dass der zuständige Regisseur die Frage ein paar Mal hineingeschnitten habe, weil er das Kultpotenzial dieser Worte sogleich erkannte. Es sei aber Konsens im Sender, dass man darüber öffentlich nicht spreche, solange Bruno Moravetz lebt. Er starb an Silvester 2013, 92 Jahre alt. Seine Stimme hallt nach – über diesen einen genialen Satz hinaus.

Artikel 2 von 11