Ein Hinz, Kunz oder Kellner ist dieser Hinsicht fein raus, aber wenn jemand Hoeneß heißt? Was es bedeutet, seit fast 40 Jahren mit diesem Nachnamen durchs Leben zu gehen, verriet Sebastian Hoeneß in einem seiner seltenen Interviews. „Hin und wieder würde ich mir wünschen, als Sebastian wahrgenommen zu werden – und nicht nur als Hoeneß.“ Wie auch immer: Wegen oder trotz seines berühmten Namens hat es der Sohn von Dieter und Neffe von Uli geschafft, sich freizuschwimmen: Er wird nach Hoffenheim in die Bundesliga wechseln – aus rein fachlichen Gründen.
Die Leistung von Sebastian Hoeneß beim FC Bayern II war, dass er sein erstes Jahr im Rampenlicht nutzen konnte, um einerseits ein junges Team zu entwickeln und anderseits sein eigenes Trainerprofil zu schärfen. Klar kann man sagen: Mit den Supertalenten des Super-Rekordmeisters ist das keine Kunst. Trotzdem hatte Hoeneß einen gewissen Druck: Den Aufstieg nach acht Jahren Regionalliga hatte nämlich nicht er geschafft, sondern Vorgänger Holger Seitz. Als Nachfolger kann man da eigentlich nur verlieren. Es sei denn, es gelingt einem, nach schwacher Rückrunde mit vielen Gegentoren eine überragende Corona-Halbserie folgen zu lassen, hoffnungsvolle Talente zur Blüte zu bringen, Defensivnöte mit Offensivpower zu kontern – und am Ende auf Platz 1 in der sehr, sehr engen 3. Liga einzulaufen.
Dass Hoeneß nebenbei als Drittliga-Trainer des Jahres ausgezeichnet wurde, mag sein beruflichen Fortkommen begünstigt haben. Hoffenheim schnappt zu – und bekommt einen Trainer, der trotz seiner frischen Meriten ein unverbrauchtes Versprechen für die Zukunft ist. Talentierte Taktiknerds werden ja landauf, landab gesucht. Wer gestern noch Kohfeldt war, könnte schon morgen als neuer Klopp gelten. Sich den jungen Hoeneß zu angeln, ist aus TSG-Sicht kein Fehler, denn dessen einziger bekannter Nachteil – eine gewisse Dünnhäutigkeit im Umgang mit der Presse – dürfte im beschaulichen Hoffenheim nicht so ins Gewicht fallen wie an Standorten mit Traditionsvereinen und deren meist aufgeregtem Begleittross (Fans, Medien, Ehemalige).
Mit seinem Faible für gepflegten Laborfußball könnte Hoeneß dem Hopp-Verein einen neuen Offensiv-Chip einpflanzen. Vorteil für den jungen Trainer: Die Latte liegt nach Hoffenheims Post-Nagelsmann-Erfahrungen nicht sonderlich hoch. Vorteil für die Liga: Sie bekommt den ersten Hoeneß, der nicht Spieler, Manager oder Präsident ist. Auf Neudeutsch: Eine Winwin-Situation. Selbst ein mögliches Scheitern des jungen Trainers wäre nicht auf Dauer tragisch: In der berühmten Familie des FC Bayern wird immer ein Platz für einen Hoeneß sein.
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