München – In München verbringt Christian Winkler, einer der Geschäftsführer des EHC Red Bull München, nur noch die Hälfte seiner Arbeitszeit. Der Konzern Red Bull, dem der Club gehört, hat dem Mittenwalder auch die Verantwortung über den Bereich in Salzburg übertragen und ihn zum „Manging Director Sports“ ernannt. Ein Fifty-Fifty-Leben.
Herr Winkler, in zwei Ländern zu arbeiten, stellt man sich in Zeiten einer Pandemie noch ein wenig komplizierter vor. Wie läuft’s?
Generell ist es in Deutschland und Österreich gleich: Man fährt auf Sicht. Negativ gesehen erlebt man zweimal Wahnsinn. Doch ich bemühe mich um eine positive Sichtweise. Wir versuchen, voneinander zu lernen und haben in allen Departments auch gute Leute.
Die DEL wird erst im November loslegen, Österreich aber schon viel früher.
Der Plan in Österreich ist: Saisonstart am 26. September, die Alps Hockey League mit der zweiten Mannschaft von Salzburg am 3. Oktober. Die tschechische Nachwuchsliga, in der unsere Junioren aus der Akademie in Liefering mitspielen, beginnt Ende September. Das ist alles Stand heute, denn die Lage kann sich ja täglich verändern.
So ultimativ gesichert sein soll es ja noch nicht, dass es tatsächlich eine Saison 2020/21 geben wird, weil es für manche Vereine kostensparender wäre, gar nicht zu spielen als in leeren Stadien oder mit wenigen Zuschauern, je nach Pandemielage.
Ich hoffe fest, dass in beiden Ligen, in Deutschland und Österreich, gespielt wird und die Arbeit, die im Sommer geleistet wurde, Früchte trägt. Eine Tendenz, dass man nicht antritt, ist für mich auch nicht spürbar. Ich denke, wir sind es Fans, Partnern und der Sportart schuldig, dass wir spielen. Mich hat es gefreut, dass alle 14 Clubs in der DEL die Lizenz bekommen haben. Wir müssen halt verstehen, mit der Situation umzugehen. Im März, als wir die Playoffs absagten, und im April haben wir vielleicht gedacht, dass bis September alles gut sein würde – doch so schnell wird Corona nicht vorüber sein.
Gibt’s in München schon wieder Eis?
Es wird gerade gemacht. Wir hatten im Sommer unsere Fitnessgeräte auf die abgetaute Spielfläche gestellt, damit sie weit genug auseinander sind – jetzt sind sie im Umlauf des Stadions aufgestellt, das funktioniert gut. Wie man überhaupt sagen kann: Es gibt keinen Schaden ohne Nutzen. Früher wurde immer in Großgruppen trainiert, nun in Kleingruppen, die Trainer konnten individuell auf Spieler eingehen, für einige war das von Vorteil.
Der EHC beschäftigt etliche Spieler aus Nordamerika, auch der Trainerstab kommt aus Übersee. Bekommt man sie alle wieder hierher?
Sie sind schon fast alle da, das Trainerteam sogar komplett. Unser Vorteil ist, dass bei uns alle Zwölf-Monats-Verträge haben, das hat die Einreise erleichtert. Wir haben uns auch früh darum gekümmert, weil man derzeit nicht wissen kann, was kommt.
Wie geht es Cheftrainer Don Jackson? Und vor allem seiner Frau? Sie war erkrankt, er reiste vorige Saison sogar während des Spielbetriebs in die USA, um sie nach einer Operation zu unterstützen.
Bei Dons Frau ist alles im Lot. Er wird in den nächsten Wochen aber noch einmal kurz heimfliegen. Grundsätzlich sprüht er vor Tatendrang, auch für ihn war der Zeitraum ohne Spiele lang.
Die Champions Hockey League beginnt – in reduziertem Format – am 6. Oktober. Muss man da wirklich schon Ende Juli, Anfang August ins Eistraining einsteigen?
Der August wird ein noch etwas lockererer Aufgalopp sein, um die Fitness auf einen guten Stand zu bringen. Im September werden wir versuchen, Spiele zu machen. Unser letztes Spiel war am 8. März, wir werden dann auf fünfeinhalb Monate kommen, die mit Eishockey wenig zu tun gehabt haben – und wir reden hier von einem Kontaktsport. Wir haben die Fühler ausgestreckt, leicht aber wird es nicht sein, Gegner im September zu bekommen, denn viele Mannschaften, die keine Champions League haben, fangen später an. Eventuell werden das nur Trainingsspiele sein, die wir erleben.
Wenn es im November aber richtig losgeht . . .
. . . wird die Belastung durch einen eng getakteten Spielplan eine erheblichere sein als in normalen Jahren. Dafür benötigt man einen großen Kader.
Als offen wurde bislang bezeichnet, ob die Verträge der Verteidiger Andrew Bodnarchuk und Blake Parlett verlängert werden. Der Stand?
Die beiden sind jetzt erst mal raus. Am Ende der letzten Saison hatten wir angedacht, mehr Leute abzugeben und dazu zu holen, doch haben das der Situation geschuldet alles verworfen.
Ist der Kader groß genug?
Wir haben vier Torhüter, auf dieser Position sind wir mega besetzt. Dazu haben wir neun Verteidiger und 15 Stürmer. Von Augsburg kehrt unsere Leihgabe Jakob Mayenschein zurück, und bei Justin Schütz, der vor zwei Jahren von den Florida Panthers gedraftet wurde, ist das Signal, dass er noch ein Jahr bei uns bleibt. Bei John-Jason Peterka wissen wir noch nicht, was nach dem NHL-Draft im Oktober sein wird.
Einen Vertrag in München hat er doch noch. . .
Sogar längerfristig. Wir sollten davon ausgehen, dass er in der ersten oder zweiten Runde gezogen wird. Dann ist die Frage: Was wird drüben gewollt? Wir haben viele Gespräche mit Scouts geführt, es waren die ganze Saison welche seinetwegen da. 70 Prozent der Clubs würden es gerne sehen, wenn er noch eine Saison bei uns spielt. Doch es gibt auch welche, die ihn sofort zu sich holen und ins Farmteam stecken oder tatsächlich auch gleich in der NHL spielen lassen würden.
Bestandteil der neuen Vereinbarung zwischen NHL und Spielergewerkschaft soll sein, dass, wer für die Saison 2020/21 einen Vertrag in Europa hat, gar nicht in die NHL wechseln dürfte.
Das habe ich auch gehört, aber es nicht schriftlich vorlegen. Wie es kommt, so kommt es, wir werden J.J. jedenfalls keine Steine in den Weg legen.
Nationalspieler Maxi Kammerer, bei dem Düsseldorf die Option auf Vertragsverlängerung aus finanziellen Gründen nicht gezogen hat, wird mit München in Verbindung gebracht. Fast die ganze Liga sieht ihn schon beim EHC.
Er ist ein interessanter Spieler, aber aktuell kein Thema.
Um die Lizenz zu bekommen, mussten die Spieler ihre Bereitschaft zu einer Stundung von 25 Prozent des Gehalts unterschreiben. Gibt es das in Österreich ebenfalls?
Auch da laufen Gespräche zwischen Clubs und Spielern, aber nicht in dem Maße wie bei uns. Im Großen und Ganzen haben wir das in München gut hinbekommen, jeder versteht, dass die Zeiten nicht normal sind.
Tatsächlich, NHL-Playoffs, die im August beginnen, gab es auch noch nie. Die kommenden beiden Monate werden die Eishockey-Süchtigen also nach Kanada blicken, wo an zwei Orten die Saison zu Ende gespielt wird.
Ich hab ein paarmal mit Korbinian Holzer telefoniert, der bei den Nashville Predators spielt. Er sagt, bei ihnen ist es so ähnlich, wie es in der Fußball-Bundesliga war. Gewöhnungsbedürftig, aber die Jungs brennen darauf. Und ich finde: Es ist wichtig, dass irgendwo die Scheibe eingeworfen wird.
Interview: Günter Klein