München – Es gibt Kult-Sprüche, die können Fans mit dem Adler auf der Brust gar nicht oft genug hören – wie diesen von Gary Lineker: „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“
Einen hochdramatischen Beweis für diese Theorie lieferte das EM-Halbfinale 1996. Darin rang das Team von Berti Vogts England im Elfmeterschießen nieder. Kapitän Jürgen Klinsmann saß damals verletzt auf der Bank. Er werde bei diesem Turnier „nicht mehr spielen“, hatte der Bundes-Berti erklärt. Soweit die offizielle Version. „Aber insgeheim haben wir die Hoffnung nie aufgegeben, dass Jürgen doch noch rechtzeitig wieder fit wird – und hinter den Kulissen bereits mit aller Energie daran gearbeitet“, erinnert sich der damalige Mannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.
Zum Abschluss unserer Serie Mythos Mull erzählt der Doc, wie der Geheimplan mit Klinsi aufging. Das Malheur passierte im Viertelfinale. Beim dreckigen 2:1 gegen Kroatien musste Klinsmann verletzt raus. „Es war die erste und einzige Muskelverletzung in meiner gesamten Karriere.“ Diagnose Faserriss, es schien undenkbar, dass der Stürmer bei der EM noch mal aufläuft. „Aber Jürgen hat mich gebeten, wirklich alles zu versuchen“, weiß Müller-Wohlfahrt.
Ihm blieben nur sieben Tage bis zu einem möglichen Finale. „Ich habe Klinsmann alle acht Stunden behandelt, auch nachts.“ Entscheidend seien aber die Massagen des legendären Physiotherapeuten Hans-Jürgen Montag gewesen: „Mit einer unglaublichen Fingerfertigkeit hat es der Hans geschafft, die verletzten Muskelanteile so extrem zu lockern, dass sie nicht mehr am Bewegungsprozess beteiligt waren. Er hat sie praktisch ausgeschaltet“, erklärt Müller-Wohlfahrt.
Gemeinsam mit Klinsi joggte der DFB-Doc durch den Londoner Regent’s Park. „ Ich habe bei jeder Einheit genau darauf geachtet, dass er den Muskel nicht überlastet.“ Kurz vorm Finale wollte Vogts natürlich unbedingt wissen, ob der Kapitän spielen kann. Aber Mull wiegelte ab: „Das kann ich dir erst beim Warmmachen im Stadion sagen, wir müssen die allerletzten Tests abwarten.“ Danach ging der Doc das Risiko ein: „Hätte Jürgen im Finale nach ein paar Minuten verletzt den Platz verlassen müssen, wäre ich wahrscheinlich in der Luft zerrissen worden.“ Aber der Oberschenkel hielt – und Klinsmann legte Oliver Bierhoff in der 95. Minute das Golden Goal zum 2:1 gegen Tschechien im Wembleystadion auf.
London war für den Orthopäden zwischenzeitlich fast schon zur zweiten Heimat geworden – wegen seines „Intensivpatienten“ Boris Becker. Der ließ ihn immer wieder einfliegen, nicht ohne sanften Druck. „Boris sagte immer: Wenn du nicht kommst, kann ich nicht spielen“, erzählt der Doc. Nicht auszudenken, wenn es sich in Wimbledon, Beckers Wohnzimmer, viel zu früh ausgehechtet hätte. „Also bin mitunter jeden zweiten Abend nach meiner Sprechstunde zu ihm geflogen, war erst gegen Mitternacht in seinem Hotel. Aber dann wollte Boris erstmal gemeinsam mit mir essen, vor 1 Uhr konnte ich ihn nie behandeln. Früh morgens habe ich mich dann in eine der ersten Maschinen nach München gesetzt, damit ich rechtzeitig wieder in meiner Praxis war.“
Gemessen an anderen Reisestrapazen seien die London-Ausflüge noch vergleichsweise harmlos gewesen, fügt der Doc an. Einmal habe ihn Becker sogar notfallmäßig nach Australien beordert. „Ich bin in London, Kuala Lumpur und Sidney umgestiegen. Von der Praxistür bis in die Hotelloby war ich rund 36 Stunden unterwegs. Als ich endlich im Hotel angekommen bin, habe ich Boris intensiv untersucht, aber nicht die kleinste Kleinigkeit gefunden.“ Da atmete der Tennis-Held erleichtert auf und entgegnete: „Das wollte ich nur hören.“
Am Ende gewann Becker die Australian Open. Über lange Flugreisen hat sich Müller-Wohlfahrt nie beklagt – er mutet sie auch seinen Patienten zu: „Im Profi-Hochleistungssport spielt es keine Rolle, wo ein Arzt praktiziert. Wenn er der Beste für die Verletzung ist, ist kein Weg zu weit, er lohnt sich immer.“ Sportler mit schweren Knieverletzungen schickte Mull lange nach Vail in Colorado. Dort operierte Dr. Richard Steadman (heute 83) bereits in den 80er Jahren Kreuzbandverletzungen arthroskopisch – im Rahmen einer gewebeschonenden Kniespiegelung, die mit kleinsten Zugängen auskommt. „In Deutschland war diese Technik noch Neuland“, sagt Müller-Wohlfahrt. Der erste Bayern-Star, der beim früheren Tölzer Militärarzt Steadman unters Messer kam, war Raimond Aumann. Ihm folgten Lothar Matthäus, Brian Laudrup, Oliver Kahn, Sebastian Deisler und Hasan Salihamidzic. „Ich habe mich über jede einzelne gelungene OP gefreut“, erzählt Müller-Wohlfahrt. Bis heute will der Arzt, der den Rekordmeister 43 Jahre lange betreute, mit allen Mitteln das Maximum herausholen für seine Patienten. „Das zählt für mich mehr als jeder Titel.“