München – Für Hansi Flick war die Sache heuer schneller klar als damals für Joachim Löw. Dabei hatte der Bundestrainer 2014 nach diesem quälenden WM-Achtelfinale gegen Algerien das gleiche Problem wie der Bayern-Coach seit letzter Woche. Sein Rechtsverteidiger fiel aus, und die Absenz von Shkodran Mustafi hinterließ eine ähnlich große Lücke wie die des nun am Knöchel verletzten Benjamin Pavard im Bayern-Kader. Löw überlegte hin und her, wollte sich nicht festlegen, sagte aber schließlich: „Es gibt nie Entscheidungen, die für ewig zementiert sind.“ Dieser Gruß war gerichtet an Philipp Lahm, der die DFB-Elf fortan nicht mehr im Mittelfeld dirigieren durfte – sondern sie als Rechtsverteidiger zum WM-Triumph führte.
Das Lahm-Schicksal beschäftigte vor sechs Jahren die Nation, es gab durchaus Argumente für beide Seiten. Die gibt es auch heute, zwei Tage vor dem Start der Champions-League-K.o.-Phase für den FC Bayern, betreffend der Rolle von Joshua Kimmich. Löw wollte seinen Kapitän, der so lange im Dienst der Mannschaft rechts hinten verteidigt hatte und sich endlich vor der Abwehr entfalten durfte, eigentlich nicht zurückversetzen. Er sah aber ein, was Flick letzte Woche sofort merkte: Er musste seinem Team das antun, weil jede andere Variante noch mehr schmerzen würde. Lahm und Kimmich haben da das gleiche Problem: Sie sind hinten rechts besser als der Rest. Und vernünftig genug, persönliche Eitelkeiten in der Not hinten anzustellen.
Kimmich hat seine Bereitschaft, den Platz im Mittelfeld an Thiago abzugeben und dafür am Samstag im Achtelfinal-Rückspiel gegen Chelsea (21 Uhr) und bei allen anderen K.o.-Partien bis zur Rückkehr von Pavard in der Viererkette aufzulaufen, sofort signalisiert. Die einzige Bedingung, die der 25-Jährige stellte: Dass es nicht für immer ist. Er mag seine Rolle vor der Abwehr, ist nicht erst nach der Corona-Pause zum Taktgeber und Lautsprecher im Mittelfeld geworden. Dieses Turnier – bei dem die Bayern offiziell so weit kommen wollen, wie es geht, inoffiziell aber freilich vom Titel träumen – schien wie gemacht als große Bühne für den jungen Mann, der die Hoffnung auf eine Ära nährt.
„Überzeugt“ davon, „dass er eines Tages unser Kapitän wird“, ist Karl-Heinz Rummenigge: „Das verkörpert er auf und außerhalb des Platzes.“ Der Wille, die Fokussierung auf seinen Job, die Bodenständigkeit Kimmichs kamen intern schon immer gut an. Inzwischen schätzt man aber auch, dass der ehemalige Leipziger den Mund aufmacht, wenn ihm etwas missfällt. Uli Hoeneß sagte zuletzt: „Er ist manchmal laut, er ist auch ein bisschen forsch. Er ist aber keiner, der nur eine große Klappe hat und dann nichts liefert.“
Kimmich liefert, egal wo – und deshalb ist er auch die einzig echte Option als Pavard-Ersatz. Obwohl in Alvaro Odriozola ein echter Rechtsverteidiger im Kader steht, war die Hereinnahme der Real-Leihgabe nie ernsthaft im Gespräch. Es ist kein Geheimnis, dass der Spanier – den unter anderem Ex-Bayer Xabi Alonso empfahl – für Flick nie mehr als eine C-Lösung war. Der Bayern-Coach wollte im Winter Benjamin Henrichs verpflichten (die Bosse nicht) oder aber den Brasilianer Dodo von Schachtjor Donezk (zu teuer). Sportvorstand Hasan Salihamidzic zauberte dann Odriozola aus dem Hut. Flicks Wunsch war offiziell erfüllt. Aber der Coach machte intern auch nie einen Hehl daraus, dass Odriozola für ihn niemand ist, den man in einem möglichen Viertelfinale gegen Lionel Messi aufstellt.
Vor allem defensiv traut man dem flinken Spanier, der die Bayern nach dem Turnier verlassen wird, die Aufgabe nicht zu. Im Gegensatz zu Kimmich. Dem Mann mit dem Lahm-Problem. Oder besser: Luxusproblem.