Allein schon das Zuschauen tat weh. Die Wucht, mit der der sich überschlagende Radprofi Fabio Jakobsen durch die Absperrung krachte und dann auf einen Fotografen prallte, ließ keinen Zweifel daran, dass seine Gesundheit schweren Schaden nehmen würde. Auch bei den nachfolgenden stürzenden Sportlern ging es um Kopf und Kragen. Jakobsen wurde bewusstlos ins Krankenhaus gebracht. Der Niederländer befand sich gestern immer noch im Koma, er wurde fünf Stunden lang am Kopf operiert, immerhin vermeldeten die Ärzte, dass keine akute Lebensgefahr mehr besteht. Doch damit lässt sich nicht ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen. Es stellen sich heikle Fragen: Wer trägt die Schuld? Wie hoch und wie tolerierbar ist das Berufsrisiko von Radfahrern?
Nicht nachvollziehbar ist, dass die Veranstalter der Polen-Rundfahrt als Bühne für den zu erwartenden Massensprint eine abschüssige Piste auswählten – und die Endgeschwindigkeit der Fahrer somit 80 km/h betrug. Das mag spektakulär sein, erhöht aber die Sturzgefahr. Viel Verantwortungsbewusstsein war da nicht im Spiel.
Den eindeutigen Bösewicht im Sprintchaos von Kattowitz gab der Niederländer Dylan Groenewegen, der seinen Kontrahenten mit der Schulter in die Absperrgitter beförderte. Ob da grimmige Absicht dahintersteckte? Nun, eine zwingende Beweisführung ist da schwierig, aber es lässt sich kaum bestreiten, dass Groenewegen mit einer Mischung aus Aggressivität und Rücksichtslosigkeit vorging, die eben schlimmste Folgen nach sich ziehen kann. Der angesehene Teamchef Patrick Lefevere wünscht sich den Übeltäter sogar ins Gefängnis. Dazu wird es nicht kommen. Aber die Sportgerichtsbarkeit tut gut daran, ein Zeichen zu setzen und Groenewegen mit einer harten Maßregelung in die Schranken zu weisen.
Allerdings ist auch in diesem Fall anzumerken, dass der Radsport – gerade bei Massensprints – ein enormes Berufsrisiko birgt. Wenn Dutzende von Fahrern bei hohem Tempo Schulter an Schulter, Lenker an Lenker unterwegs sind, dann reicht in der Hitze des Gefechts eine leichte Berührung, ein kleiner Wackler, um eine verheerende Kettenreaktion auszulösen. Und klar ist auch allen, dass die besten Chancen jene haben, die am waghalsigsten um den Sieg streiten. Kein Wunder also, dass schwere Stürze unweigerlich zum Velo-Alltag zählen. Der Radsport, das muss allen Beteiligten klar sein, ist auch ein Spiel mit Leib und Leben. Seine Protagonisten zahlen da bisweilen einen hohen Preis.
Armin.Gibis@ovb.net