Die Welt der Alexandra Wester

von Redaktion

Zwischen sozialem Engagement und Verschwörungs-Szene – die deutsche Leichtathletin gibt Rätsel auf

VON GÜNTER KLEIN

München – Vor einem Jahr war Alexandra Wester zu Gast in der Allianz Arena. Der FC Bayern spielte um den Audi Cup, das ZDF hatte die Übertragungsrechte und wollte die Chance, die eine satte Quote bringt, nutzen, um auf eine Veranstaltung am kommenden Wochenende hinzuweisen: „Die Finals“ in Berlin, Deutsche Meisterschaften in diversen (kleineren) Sportarten, vom Fernsehen aufbereitet wie Olympische Spiele. Fußball-Moderator Jochen Breyer stand auf der ZDF-Position unten am Rasen im Münchner Stadion, neben ihm die Leichtathletin, die ein Gesicht der „Finals“ sein und die TV-Zuschauer abholen sollte: Alexandra Wester. Weitspringerin, Sieben-Meter-Potenzial, die beste in Deutschland hinter Malaika Mihambo.

Dieser Tage wird viel über Alexandra Wester, 26, berichtet. Aber nicht wegen ihrer sportlichen Tätigkeit. In der Leichtathletik stehen die Deutschen Meisterschaften an, in Braunschweig, doch sie hat nicht gemeldet. Obwohl sie im Lande ist, wie vergangenen Samstag zu sehen war. Da demonstrierte sie mit 17 000 bis 20 000 anderen Menschen, unter anderem ihrem Freund, dem Basketballer Joshiko Saibou, aber auch mit Verschwörungsfantasten und Rechtsextremen gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland. Sie postete Fotos davon auf ihrem Instagram-Kanal.

Unsere Zeitung hatte mit Alexandra Wester zu Beginn des Jahres zu tun, als das Coronavirus zwar in der Welt war, aber man eine Pandemie für unwahrscheinlich hielt. Mitte Februar hatten wir sie kontaktiert, sie trainierte in den USA. Der Anlass für die Interviewanfrage: Eine bemerkenswerte Aktion von Alexandra Wester. Sie hatte sich in einem ungewöhnlichen Maß für einen Sprinter aus Gambia, dem afrikanischen Land, dem sie sich, weil eine Linie ihrer Vorfahren von dort stammt, verbunden fühlte.

Wester hatte in Berlin Sportschuhe gesammelt, die sich nach Gambia brachte. Vor Ort half ihr ein junger Mann bei der Erledigung der Formalitäten: Momodou Sey. Er selbst hatte komplett ausgetretene Schuhe, wie sie sich erinnerte, war aber der beste Sprinter des Landes – der gambische Usain Bolt, so nannte man ihn. Westers Interesse war geweckt: Wie gut könnte er werden mit ansprechendem Material, unter professioneller Trainingsanleitung? Sie setzte eine Crowdfunding-Kampagne auf, sammelte Geld, investierte sogar eigenes, kümmerte sich um ein Visum für Momodou Sey – und tatsächlich gelang es ihr, ihn nach Amerika zu holen. Sie erzählte uns am Telefon davon, sie rief selbst an („Wozu habe ich eine Flatrate nach Deutschland?“), sie schilderte von der Freude, die sie erlebte, wenn ihr Schützling Fortschritte machte, sie lebte einen Traum: Sie mit Momo und mit ihrem Freund Joshiko Saibou, der sich mit der Basketball-Nationalmannschaft vielleicht qualifizieren würde, bei den Olympischen Spielen im Sommer 2020 in Tokio. Niemand dachte daran, dass die um ein Jahr verschoben würden.

Die Geschichte über Alexandra Wester bewirkte einiges. Sie dankte für den „super- schönen Text. Er hat uns definitiv viele weitere Spenden eingebracht. Momodou hat sich unglaublich über die Resonanz gefreut.“ Wir beschlossen, die Geschichte weiterzuverfolgen: Würden es alle drei zu Olympia schaffen?

Drei Wochen nach Erscheinen des Artikels war die Welt eine andere, der Sportkalender galt nicht mehr. Was würde Alexandra Wester nun machen? Wie würde sich das Projekt mit ihrem Sprinter entwickeln? Wir mailten sie an, erkundigten uns. Am 28. April schrieb sie, Corona habe „alles auf den Kopf gestellt, aber wir haben einen Plan B“. Zwei Tage später will sie anrufen, tut das aber nicht. Mitte Juni dann wieder eine Mail von ihr: „Mittlerweile ist einige Zeit vergangen, aber es gibt sehr gute News bzgl. Momodou – er geht aufs College in New York ab diesem September! Er hat dort (LIU) ein Sport-Vollstipendium erhalten.“

Zu diesem Zeitpunkt sind – zunächst im „Spiegel“, dann in einigen Zeitungen – Geschichten über Wester erschienen, in denen es nicht um ihr soziales Engagement geht. Auf Instagram, wo sie über 60 000 Abonnenten hat („Man soll seine Reichweite auch für Gutes nutzen“, hatte sie uns im Februar gesagt), fabuliert sie von Horrordrogen, mit denen die Mächtigen die Menschheit kontrollieren würden, von entführten und gefangen gehaltenen Kindern.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband wird davon kalt erwischt, auch ihr Sponsor Puma. Nachdem ihr Freund Saibou von seinem Bonner Club die fristlose Kündigung erhält, eskaliert es. Der Ton wird rau. Auch gegenüber dem Deutschlandfunk-Journalisten Maximilian Rieger, der über die Aktivitäten von Saibou und Wester berichtet hatte. Ihn greift der rechte Blogger Boris Reitschuster an, Rieger wird als „Denunziant“ beschimpft.

Wir hatten Alexandra Wester noch ein Gespräch vor allem über die sportliche Situation in einem solch außergewöhnlichen Jahr angeboten. Sie reagiert nicht.

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