164 Tage sind vergangen, seitdem sich der FC Bayern und der FC Chelsea ein erstes Mal in dieser Saison gegenüberstanden. 68 Tage liegt sogar der 31. Mai zurück, an dem in Istanbul der neue Champions-League-Sieger hätte gekürt werden sollen. Ab heute aber lebt die Fußball-Welt auch auf ihrer größten Bühne nicht mehr in der Vergangenheit. Der Blick richtet sich nach vorne, also: auf die 15 Tage, in denen einem Team der Schnelldurchlauf zum Henkelpott gelingen wird. Gar dem FC Bayern?
Es gab seit dem Double-Gewinn ja keine einzige Woche, in der die Elf von Hansi Flick nicht von mindestens einem Experten oder gar Konkurrenten zum haushohen Favoriten abgestempelt wurde. Dafür hatten sie alle freilich gute Gründe: Ein Team, das die richtige Mischung aus jungen Wilden und alten Erfahrenen hat. Eine feste Achse, die dieses zusammenhält. Einen Trainer, der seine Truppe perfekt im Griff hat. Dazu eine Siegesserie, die seit Monaten hält. Man muss sich schon was einfallen lassen, um diese Bayern zu schlagen. Oder zumindest einen guten Tag haben. Und ein bisschen Glück.
Der Triple-Traum in München ist groß, das hat sich in diesem ewig langen Corona-Jahr nicht vermeiden lassen. Trotzdem ist die Herangehensweise, die Karl-Heinz Rummenigge seinen Bayern zum heutigen Restart der Königsklasse mitgegeben hat, richtig. „Die Früchte nicht gleich schon ganz da oben hinhängen“, lautet sie, man soll lieber „unaufgeregt und hoch konzentriert“ zu Werke gehen. Plattitüden, ja klar! Aber solche, die in diesem noch nie dagewesenen Format der K.o.-Runde mehr zählen denn je. Ein Fehler – und es ist vorbei. Chelsea traut man ein ähnliches Wunder wie im „Finale dahoam“ 2012 nicht zu. Aber Barcelona, ManCity, Real oder Juve?
Es wird um Nuancen gehen in den kommenden beiden Wochen. Und was für die Zuschauer vor dem Fernseher Spannung garantiert, ist für die Spieler auf dem Platz körperlich wie mental eine echte Herausforderung. Es sind andere Qualitäten gefragt als in einer normalen Champions-League-Saison, die in Hin- und Rückspiel (meist) das bessere Team in die nächste Runde spült. Wer hat echte Turnier-Spieler unter Vertrag? Wo herrscht Teamgeist? Wer kann sich am schnellsten auf den nächsten Hochkaräter einstellen? Und am besten regenerieren? Die Bayern haben unter Flick das Potenzial, in diesem Turnier auf allen Ebenen Maßstäbe zu setzen. Trotzdem ist so ein Triple nicht planbar. Nicht mal – bzw.: besonders nicht – in einem Jahr wie diesem.
Hanna.Raif@ovb.net