Im Fernseh-Wunderland

von Redaktion

Viel besser als die Fußball-Bundesliga: Wie das Eishockey die Zuschauerlosigkeit inszeniert

VON GÜNTER KLEIN

München – Als Korbinian Holzer Ende Juli in die Area rund um den Rogers Place, das Eisstadion von Toronto, eincheckte, hatte er sogleich den Eindruck, „dass die NHL einen richtig guten Job macht“. So sagte es der gebürtige Münchner, der seit Februar für die Nashville Predators verteidigt, dem Sport1-Podcast „Die Eishockey-Show“. In Edmonton und Toronto läuft seit einer Woche das große Projekt der National Hockey League: Sie bringt die im März unterbrochene Corona-Saison zu Ende, die besten acht Teams nach damaligem Tabellenstand sind für das Achtelfinale qualifiziert und spielen in einem „Round Robin“ nun noch die Platzierungen aus, 16 weitere Teams ermitteln acht Gegner. Bis Ende September soll der Stanley Cup vergeben sein.

Wie bei allen Ligen, die mit strengem Hygienekonzept spielen, sind keine Zuschauer zugelassen. Und manchmal wird das bei den Partien in den beiden kanadischen Arenen auch so durchgesagt und eingeblendet („Spectators: 0“). Aber: Anders als bei den Übertragungen aus der Fußball-Bundesliga, dem So-geht’s-Vorreiter der internationalen Profisportwelt, vergisst man das.

Über die Sitze in den unteren Rängen, die ins Fernsehbild kommen, haben die Stadionbetreiber dezente Abdeckplanen gezogen – mit dem Logo der Liga darauf. Für Farbe sorgen die LED-Wände, die die Optik dominieren. Gezeigt werden Großaufnahmen von Spielern, die Wappen der gerade gegeneinander antretenden Teams oder kanadische und amerikanische Flagge. Die Welt der NHL ist bunter als sonst. Und nicht wesentlich leiser als üblich.

Zwar hat die NHL im Normalbetrieb mit Zuschauern eine hohe Auslastung, bei vielen Matches sind um die 20 000 Leute da – aber: Es ist ausschließlich Sitzplatzpublikum, das auch damit beschäftigt ist, zu konsumieren. Die Interaktion mit dem Geschehen auf dem Eis ist – Ausnahme Playoffs – verhalten. Nordamerikanische Spieler, die nach Europa, speziell in die deutschen Ligen kommen, wundern sich immer über die hierzulande ganz anders ausgestaltete Fankultur. Sie werden angefeuert und nach glorreichen Siegen zu Ehrenrunden oder Tänzen vor dem Stehwall angehalten. In der NHL fällt der Schlussapplaus kurz aus, man verlässt die Halle nach der letzten Sirene umgehend. Wo nicht gerade die große Stimmung herrscht, kann also nicht sehr viel fehlen.

Die NHL simuliert das bisschen Geräuschkulisse ziemlich glaubhaft. Sie arbeitet mit der kanadischen Firma EA Sports zusammen, die seit Jahrzehnten offiziell lizenzierte Sportvideospiele (NHL, FIFA) entwickelt. Die eingesetzte Künstliche Intelligenz muss manchmal halt noch lernen. Als die Edmonton Oilers im ersten Playoff-Qualifikationsmatch von Chicago hergespielt wurden und nach dem ersten Drittel demontiert daherkamen, wurde dennoch ein unablässiges „Let’s go. Oilers, let’s go“ eingespielt. Unpassend.

Die Fernsehbilder sind aber grandios. Es kommen 32 Kameras zum Einsatz, das ist weit über dem Standard. Doch es wird ausgenutzt, dass in einem Stadion ohne Fans neue Positionen frei werden – und sich neue Blickwinkel auf das Spiel ergeben. Für die Vermarktung weltweit. Besonders gut dran sind Interessenten in Deutschland. Sie können für die Playoffs den Game Pass der NHL erwerben und jedes Spiel streamen. In den skandinavischen Ländern, wo die NHL eigene Fernsehpartner hat, ist nicht alles verfügbar. Man kann manchmal sogar zwischen den Anbietern (Sportsnet, Fox, NBC, wo sie einen Kommentator mit Donald-Trump-Stimme haben, was so irritierend wie amüsant ist), wählen. Und da in Kanada schon ab dem Mittag dem Puck nachgejagt wird, laufen die Spiele teils zu für Deutschland angenehmen TV-Zeiten wie 18, 20 und 22 Uhr. Sogar ohne Werbung. Zwar gibt es die nicht wenigen „Commercial breaks“, doch die werden mit neutralem Programm oder einem Standbild bespielt.

Die NHL scheint die derzeitige Ausnahmesituation sogar ein wenig zu genießen. Zwei Mitarbeiter der Liga, die in Edmonton Zutritt hatten, aber nicht als offizielle Zuschauer gezählt werden, warfen beim Hattrick von Edmontons Connor McDavid im zweiten Spiel gegen Chicago ihre Hüte aufs Eis. Und Korbinian Holzer arbeitete einen großen Vorteil für die Spieler heraus: „Keine Reisen zwischen den Spielen.“ Man geht alles zu Fuß.

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