„Infantino hat einen fatalen Fehler gemacht“

von Redaktion

Silvia Schenk von Transparency International über mögliche Verstrickungen des FIFA-Bosses

München – FIFA-Präsident Giovanni Infantino ist wieder ins Zwielicht geraten. Diesmal ist gegen den 50-jährigen Schweizer sogar ein Strafverfahren eröffnet worden. Wir unterhielten uns mit der deutschen Juristin Sylvia Schenk, bei Transparency International Mitglied der Arbeitsgruppe Sport, über den undurchsichtigen Fall.

Silvia Schenk, ist Gianni Infantino noch tragbar als FIFA-Präsident?

Das lässt sich im Moment überhaupt nicht beurteilen, weil das, was an Fakten bekannt ist, nicht viel aussagt. Man muss abwarten, was noch herauskommt, bzw. was Stefan Keller (außerordentlicher Staatsanwalt, d. Red.) zutage fördert. In erster Linie ist es ein Fall Lauber, in den Infantino verwickelt ist. Wie tief und strafrechtlich relevant, das ist die Frage.

Sie sprechen vom Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber, der ebenfalls im Visier der eidgenössischen Ermittlungsbehörden steht. Infantino werden mehrere geheime Treffen mit Lauber zur Last gelegt. Es geht um Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses, Begünstigung und die Anstiftung zu diesen Tatbeständen.

Lauber als Täter, Infantino als Anstifter dazu, das ist der Informationsstand, ja.

Und das reicht der Ethikkommission der FIFA nicht für eine Sanktion? Die Vorsitzende Claudia Maria Rojas könnte den Präsidenten zumindest für 90 Tage sperren lassen, so wie es unter ihren Vorgängern 2015 auch im Fall Sepp Blatter geschah.

Lassen Sie mich etwas ausholen. Im Artikel 84 des FIFA-Ethikcodes steht, dass während einer Untersuchung vorsorgliche Sanktionen verhängt werden können, wenn zu befürchten ist, es werde sonst das Untersuchungsverfahren beeinträchtigt. Oder aber: Wenn ein Verdacht auf ein Vergehen besteht und ein rechtzeitiger Entscheid im ordentlichen Verfahren zweifelhaft erscheint. Ich weiß ja im Moment gar nicht, was Infantino als Handlung zu den öffentlich bekannten Tatbeständen genau vorgeworfen wird und ob bzw. mit was er Untersuchungen der Ethikkommission beeinträchtigen könnte. Anstiftung zum Amtsmissbrauch – das hängt auch davon ab, um was es bei dieser Haupttat überhaupt geht, was die Vorwürfe konkret sind. Was kann die Ethikkommission da derzeit untersuchen? Das ist zunächst Sache der Staatsanwaltschaft. Infantino nur zu suspendieren, weil das damals bei Blatter auch passiert ist, das gibt zumindest Artikel 84 nicht her.

Was lässt sich Infantino Stand jetzt vorwerfen?

Er hat aus meiner Sicht auf jeden Fall einen großen Fehler gemacht. Er hätte es 2016 und 2017 besser seinen Juristen überlassen, die Gespräche mit Lauber und der Staatsanwaltschaft über die die FIFA betreffenden Verfahren zu führen. Soweit Lauber Amtsmissbrauch und Geheimnisverrat vorgeworfen wird: Da war es aus Sicht der FIFA als möglicherweise Geschädigte in einer Reihe von Fällen durchaus sinnvoll, mit der Staatsanwaltschaft zu sprechen. Aber klar: Das hätte nicht Infantino sein dürfen in seiner Selbstüberschätzung, sondern eben seine Rechtsabteilung. Und auch nicht in einem Hotel, sondern offiziell in Amtsräumen. Das war ein fataler Fehler. Trotzdem ist es noch kein Beweis der Anstiftung zu strafrechtlich relevanten Taten. Und hinsichtlich der Lauber angelasteten Begünstigung stellt sich die Frage, wer begünstigt worden sein soll. Blatter, Platini oder wer? Warum soll Infantino das angestiftet haben? Wo doch gerade Blatter und Platini ihm vorwerfen, er habe im Gegenteil versucht, sie reinzureiten. Da wissen wir noch zu wenig.

War es bei Infantino also schlichte Hybris?

Infantino hatte möglicherweise seine Rolle als Präsident noch nicht verinnerlicht zu der Zeit. Er war vorher Generalsekretär, ist selbst Jurist, da meint man dann unter Umständen schon, solche Gespräche selber machen zu können. Das Ganze ist wie gesagt zunächst mal ein Fall Lauber. Man muss abwarten, was bei ihm strafbar ist und was disziplinarische, beamtenrechtliche Verfehlungen sind, zu denen nicht strafrechtlich relevant angestiftet werden kann. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Fan von Infantino – aber es hilft nichts, das Ganze an den falschen Punkten aufzuhängen. Da müssten erst weitere Fakten kommen.

FC Bayern-Chef Rummenigge sagte, eigentlich sei Infantino der Richtige, um die FIFA wieder in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Teilen Sie diese Ansicht?

Nein. Wenn Infantino die FIFA nach außen hin in ruhiges Fahrwasser bringen wollte, dann hätte er von Anfang an viel mehr Demut zeigen müssen. Und Ruhe nach innen sehe ich auch nicht. Er hat Knatsch mit der UEFA, er konnte viele Dinge wie diesen 25 Milliarden-Dollar-Deal für FIFA-Rechte nicht durchsetzen, wobei ich das allerdings eher beruhigend finde. Blatter hätte es einfach gemacht, das geht jetzt so in der FIFA nicht mehr. Das ist ein gutes Zeichen.

Wird Infantino die Sache überleben als Präsident?

Aktuell ist es – noch – eine politische, weniger eine rechtliche Sache. Wenn ich mir die Machtverhältnisse in der FIFA anschaue, sehe ich nicht, dass Verbände auf die Barrikaden gehen. Auch vom DFB hört man gar nichts. Wenn herauskommt, Infantino hat Lauber bestochen, um Blatter in die Pfanne hauen zu können oder unzulässig Einsicht in Akten zu bekommen – dann ist er nicht mehr tragbar.

Interview: Ludwig Krammer

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