Es wurde einem am Samstag in der Allianz Arena nicht erst beim Auslaufen bewusst. Schon weit vor jenem Teil des Abends, an dem die Bayern-Spieler sich darüber austauschten, „dass es einfach mit Zuschauern mehr Spaß macht“ (Thomas Müller), war die gähnende Leere quälend gewesen. Allein das Einlaufen zu diesem Achtelfinal-Rückspiel der Champions League: Die Bayern, natürlich ohne Einlaufkinder, schlichen sich rund 30 Sekunden vor den Gästen aus London aufs Feld. Ungeordnet, in gebührendem Abstand, ungewohnt. Als dann die Champions-League-Hymne erklang – „die Größten, die Besten“ –, kam alles andere auf als: Gänsehaut.
Müller sprach nach der Partie aus, was alle dachten: „Es fehlt etwas!“ Das weiß man nicht erst seit vergangener Woche, immerhin ist in Bundesliga und Pokal seit Mai ohne Zuschauer gekickt worden. In diesem Wettbewerb, der von Flutlicht, besonderer Stimmung und Nervenkitzel lebt, wird einem die Absenz dieses wichtigen Teils der Fußball-Branche aber besonders schmerzhaft bewusst gemacht. Nach den ersten vier Partien weiß man: Königsklasse im Not-Modus – das ist etwas anderes.
Die Leistung der Spieler soll diese Erkenntnis nicht schmälern. Man darf sich auch beim Final-Turnier in Lissabon auf gute Spiele freuen, große Duelle, schöne Tore, historische Siege, schmerzhafte Niederlagen. Trotzdem hat der Zuschauer vor dem TV einen entscheidenden Vorteil, wenn er die Ton-Option „Stadionatmosphäre“ wählen kann. Die Spieler haben diesen Knopf nicht. Sie müssen mit der Stille leben, die sie umgibt.
Man hat Müller den Zwiespalt, in dem er bei seinen Aussagen steckte, angemerkt. Er sagte: „Ich weiß, dass das egoistisch gedacht ist.“ Aber es ist auch menschlich. So, wie in der U-Bahn die Maske nervt, wie die Regeln in der Gastronomie Wirte an ihre Grenzen bringen, wie Homeschooling Eltern vor kaum zu lösende Herausforderungen stellt, denken auch die Fußballer: Warum kann nicht alles wieder so sein, wie es früher einmal war?
Es wird dauern. Und weil die Kicker Teil einer Unterhaltungsbranche sind, ist ihr Schicksal auch erträglich. Sie können ihrem Beruf nachgehen, verdienen mehr als genug Geld und bangen nicht um ihre Existenz. Sie müssen sich lediglich damit abfinden, dass selbst die Königsklasse heuer nicht sein kann, was sie ist. Und der Titel 2020 auf ewig den Beinamen „Corona“ tragen wird.
Hanna.Raif@ovb.net