Berlin – Die Party-Zentrale verlegte Wout Van Aert kurzerhand in den Mannschaftsbus. Nicht sehr stilvoll, doch durchaus zweckmäßig goss der belgische Radprofi den Sieger-Champagner in Pappbecher und stieß auf seinen Triumph beim Klassiker Mailand-Sanremo an. Van Aert und sein Jumbo-Visma-Team hatten reichlich Grund zum Feiern. Mal wieder.
Die schwarz-gelbe Equipe aus den Niederlanden glänzt seit dem Neustart der Saison bei den wichtigen Rennen – und dürfte bei der Tour de France (29. August bis 20. September) in dieser Verfassung ein ähnliches Bild abgeben. Während Van Aert eine Woche nach dem Erfolg beim Eintagesrennen Strade Bianche auch die Sommer-Ausgabe von Mailand-Sanremo gewann, setzten die Rundfahrt-Asse um Primoz Roglic bei der Tour de l’Ain ein Zeichen der Stärke.
Die kleine Rundfahrt in Frankreich ist für gewöhnlich eher ein Rennen für Talente. Wegen der langen Coronapause schickten die Teams allerdings zahlreiche Top-Fahrer im Rahmen der Tour-Vorbereitung an den Start. Warum, wurde spätestens am Sonntag klar: Die Schlussetappe zum Grand Colombier führte über weite Teile der Strecke der wichtigen 15. Tour-Etappe im Jura.
Das Ergebnis fiel eindeutig aus. Jumbo-Visma gewann den Schlagabtausch mit dem Team Ineos deutlich. Roglic feierte seinen zweiten Etappensieg und sicherte sich den Gesamterfolg.
Ex-Tour-Sieger Geraint Thomas und der viermalige Frankreich-Triumphator Chris Froome stellten sich in den Dienst von Bernal, mussten im Zielanstieg aber frühzeitig abreißen lassen. Auf den letzten Metern zog Roglic seinem kolumbianischen Kontrahenten Bernal davon.
Jumbo-Visma wird für die eine hochkarätig besetzte Equipe aufbiete: Mit dabei sind Roglic, der letztjährige Tour-Dritte Steven Kruijswijk, Ex-Giro-Champion Tom Dumoulin, Bergspezialist Robert Gesink und eben Van Aert. Bernal und Ineos erwartet bei der Frankreich-Rundfahrt die wohl größte Herausforderung der vergangenen Jahre.
Van Aert, der bei der Tour 2019 schwer gestürzt war, ist schon jetzt in einer herausragenden Form. Bei der 111. Ausgabe von Mailand-Sanremo sprintete der dreimalige Cross-Weltmeister am Samstag nach 305 km vor Vorjahressieger Julian Alaphilippe (Frankreich/Deceuninck-Quick Step) zum Sieg. Vierter wurde Peter Sagan vom Raublinger Team Bora-hansgrohe.
„Nicht zu wissen, wo meine Grenzen sind, ist eine gute Sache. Ich bin erst 25 Jahre alt. Es ist ein Vergnügen, herauszufinden, zu was ich fähig bin“, sagte Van Aert.
Einen grandiosen Talentbeweis liefere Remco Evenepoel. Der 20-jährige Belgier, der in seiner Heimat schon als der neue Eddy Merckx gefeiert wird, legte am Samstag bei der Königsetappe der Polen-Rundfahrt eine Solo-Fahrt über 51 km hin und fuhr dabei einen großen Vorsprung heraus, mit dem er sich auch den Gesamtsieg sicherte. Im Ziel erinnerte er an seinen schwer gestürzten Teamkollegen Fabio Jakobsen: „Fabio war die ganze Zeit in meinem Kopf. Die Schmerzen, die ich heute hatte, sind nicht vergleichbar mit denen von Fabio. Er hat mir Kraft gegeben.“ sid/dpa