München – „Nicht so schlimm“, das waren die Worte, mit denen Bayern-Coach Hansi Flick die Verletzung von Jerome Boateng kommentierte. Allerdings hatte der Blick auf den Rasen zuvor anderes vermuten lassen. Kurz vor der Entwarnung nämlich hatte der 31-Jährige den Weg aus den Katakomben über das Grün zum Auto angetreten, sein Gang sah dabei alles andere als rund aus. Schwerfällig, gequält, langsam. Man sah Boateng schon an, dass die Aktion, in der er sich nach rund 60 Minuten des 4:1 gegen den FC Chelsea vertreten hatte, ihre Spuren hinterlassen hat.
Die Reise nach Portugal trat er gestern mindestens lädiert an. Allerdings ist das – nach den ersten schlimmen Befürchtungen – tatsächlich eine gute Nachricht. Als Boateng da nämlich so am Boden lag, immer wieder mit den Fäusten auf den Rasen hämmerte, herrschte kurzzeitig Totenstille in der leeren Arena. Ist es das Knie? Nur der Oberschenkel? Minutenlang war Boateng behandelt worden, bevor er es noch mal versuchte – und dann durch Niklas Süle ersetzt wurde. „Ein toller Tag für mich“, sagte der Nationalspieler nach seinem Pflichtspiel-Comeback, fügte aber hinzu: „Ich hoffe, dass es bei Jerome nicht schlimm ist. Wir brauchen ihn in den nächsten Wochen.“
Worte, die vor einem Jahr, als Boateng auf dem Abstellgleis stand, niemand ausgesprochen hätte; die aber heute stimmen. Flick freute sich zwar, „dass wir Niki (Süle/d.Red.) heute gesehen haben“, der Rückkehrer nach Kreuzband-OP machte seine Sache sehr gut. Dennoch ist jedem – auch dem auf der Bank schmorenden Weltmeister Lucas Hernandez – klar, dass die Innenverteidigung unter normalen Umständen im K.o.-Turnier aus Boateng und David Alaba bestehen wird. Das Duo hat die Double-Zentrale gebildet – man traut ihm auch zu, Messi und Co. am Freitag im Viertelfinale zu bändigen.
Ein weiterer Ausfall in der Abwehr würde schwer wiegen, weil eine Rückkehr von Benjamin Pavard während des Turniers fraglich ist. „Wir werden alles versuchen“, kündigte Flick an. Pavard allerdings saß am Samstag mit Krücken und medizinischem Schuh auf der Tribüne. Er trat auch gestern die Reise nicht mit an, sondern soll in München für ein Comeback arbeiten. Derzeit ist nur Training im Wasser möglich. Besser sieht es bei Kingsley Coman aus, dessen Pause eine Vorsichtsmaßnahme war. Er will am Freitag spielen – und verließ die Arena runderen Schrittes als Boateng. hlr