Braunschweig – Malaika Mihambo tänzelte ein bisschen umher, zog immer mal wieder entspannt ihren Lippenstift nach, flirtete mit der Kamera – und ließ der Konkurrenz natürlich keine Chance. Der Auftritt der Weitsprung-Weltmeisterin sorgte für ein bisschen Glamour bei einer ansonsten eher traurigen Veranstaltung. Das Golden Girl sprang bei der Geistermeisterschaft der Leichtathleten aus verkürztem Anlauf, aber auch ein Satz auf 6,71 m reichte Mihambo locker zu ihrem vierten nationalen Titel.
Mihambo, Deutschlands Sportlerin des Jahres, war der Topstar dieser besonderen Titelkämpfe, bei denen die meisten Athleten nicht richtig zünden konnten. Am Sonntag genügte neben Mihambo, die nur 16 statt der sonst üblichen 20 Schritte Anlauf nahm und damit nicht genügend Geschwindigkeit für die ganz großen Weiten aufbauen konnte, einzig Speerwerfer Johannes Vetter international höheren Ansprüchen.
Und auch der WM-Vierte Bo Kanda Lita Baehre, der seine Bestleistung im Stabhochsprung auf 5,75 m steigerte, oder Sprint-Jungspund Deniz Almas, der unbekümmert über 100 m in 10,09 Sekunden zum Titel rannte, zeigten ansprechende Leistungen. Doch das große Spektakel fiel – fast schon naturgemäß ohne Zuschauer – aus. Und ein Jahr vor Olympia ist klar: Die deutschen Leichtathleten müssen noch deutlich zulegen.
Diese merkwürdigen Titelkämpfe im Glutofen von Braunschweig, die wegen der Coronakrise ohne Fans stattfinden mussten, waren allerdings auch nicht unbedingt leistungsfördernd. Der größte Erfolg des Wochenendes war es wohl, dass dieses „Mini-Tokio“ dank eines umfangreichen Hygienekonzeptes überhaupt stattfinden durfte.
So etwas wie Atmosphäre kam aber natürlich nicht auf an der Hamburger Straße. Das ständige Einspielen von Musik-Fetzen über die Lautsprecher wirkte wie ein etwas verzweifelter Versuch, ein bisschen Stimmung zu erzeugen. „Ohne Zuschauer fehlt natürlich der letzte Kick“, sagte der ehemalige Dreisprung-Europameister Max Heß.
Und dann schwächelten auch noch einige Hochkaräter, die sonst für starke Vorstellungen sorgen. Ex-Weltmeister David Storl stieß seine Kugel nur mäßige 20,17 m weit. Hindernis-Star Gesa Felicitas Krause musste ihr Rennen nach 2000 von 3000 m völlig entkräftet aufgeben und verstand anschließend die Welt nicht mehr.
Überhaupt nicht lief es ebenfalls für Pamela Dutkiewicz über die Hürden. Die Vize-Europameisterin stolperte bei ihrem Saisoneinstieg am drittletzten Hindernis und schied damit bereits im Halbfinale aus. Der Diskus des Olympiadritten Daniel Jasinski landete schon bei 61,68 m.
Einige andere prominente Namen haben nach der Olympia-Verschiebung gleich ganz auf die Reise nach Braunschweig verzichtet: So waren Mittelstrecken-Ass Konstanze Klosterhalfen, Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler oder Sprinterin Gina Lückenkemper aus unterschiedlichen Gründen ebenso nicht dabei wie Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul oder Christoph Harting, Diskus-Olympiasieger von Rio
Ex-Weltmeister Vetter hingegen überzeugte beim Duell der 90-Meter-Speerwerfer. Am Sonntag warf der 28 Jahre alte Offenburger die Siegesweite von 87,36 Meter (deutsche Jahresbestweite) im dritten Versuch und holte sich nach 2017 seinen zweiten Titel. Vizeeuropameister und Vorjahressieger Andreas Hofmann (MTG Mannheim) musste sich mit 77,35 Metern und dem zweiten Rang begnügen. Olympiasieger Thomas Röhler aus Jena hatte auf den Start bei den Titelkämpfen verzichtet, weil er vor kurzem Vater geworden war. sid/dpa