Wo steht Thomas Berthold?

von Redaktion

Vieldiskutierter politischer Auftritt des Ex-Fußball-Stars – Er kommt aus der Impfgegner-Szene

VON GÜNTER KLEIN

München/Stuttgart – Was ist Thomas Berthold von Beruf? Vieles, er benennt die Tätigkeitsfelder auf seiner Homepage. Die Reihenfolge: Weltmeister, TV-Experte, Speaker, Markenbotschafter. Einige Sparten hat er am Samstag bei einem Auftritt im unteren Schlossgarten in Stuttgart zusammengeführt – mit für ihn womöglich fataler Wirkung. Bei einer Kundgebung von „Querdenken711“, einer Organisation, die gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zu Felde zieht, am Wochenende davor in Berlin nach eigenen Angaben 1,3 Millionen Menschen auf die Straßen brachte (nach Polizeiberechnung waren es nur 17 000 bis 20 000), hielt Berthold eine Rede – mit dem Ziel, der Initiative „eine mediale Plattform“ zu geben. Motto: Hier spricht der Fußball-Weltmeister, alle mal herhören.

Die gut sechs Minuten, die Berthold, 55, in Shorts und Shirt mit „#querdenken711“-Aufschrift absolvierte, wurden vom Veranstalter zugleich online gestellt – Berthold trendete umgehend in den Twitter-Charts und erntete nahezu ausschließlich Verrisse, auch die klassischen Medien griffen seinen Auftritt auf. Ob die TV-Anstalten ihn jetzt noch als unbefangenen Experten präsentieren können? Eine Münchner Agentur vermarktet ihn.

Was sagte Thomas Berthold in Stuttgart? Er erzählte von der Angst, die die Deutschen in der Corona-Krise lähmen würde. Man müsse aber angstfrei sein – so wie er. So habe er 1988 eine Bruccelose überlebt, eine bakterielle Infektion, die durch Milchprodukte verursacht werden könne. Nun würden die Bürger „von Spekulationen von ein, zwei Wissenschaftlern und Vertretern des RKI besudelt“. Sein Vertrauen in die Regierung sei „unter Null“ gesunken, es brauche für die Wahlen im nächsten Jahr eine Partei „mit Menschen, die für Menschen da sind“. Er fordert: „Wir wollen unser altes Leben ohne Einschränkungen zurück.“ Was den Umgang mit der Maskenpflicht betrifft, solle jeder selbst entscheiden, „ob er sie aufzieht“.

In der Querdenken711-Bewegung sammelt sich ein breiter Querschnitt vom rechten Rand bis zur Esoterikszene, vor allem Anhänger von Verschwörungsmythen sind gut vertreten. Wo steht der Ex-Fußballer (u. a. FC Bayern, VfB Stuttgart) und Weltmeister von 1990, Thomas Berthold?

Der gebürtige Hesse lebt seit einigen Jahren vegan, er macht Werbung für einen eher unbekannten Hersteller von Biokokosöl-Produkten – die Spots sind auf YouTube zu finden, Bertholds Ehefrau Britta spielt darin eine tragende Rolle. Interessant auch ihre Biografie: Aufgewachsen in der DDR, sie schreibt auf ihrer Homepage, sie sei Wohnungsbesetzerin in Ost-Berlin gewesen und lehne „strengen Gehorsam und Uniformiertheit“ ab. Weiter (sie schildert sich in der dritten Person): „Ihre Helden sind immer die Unangepassten und Unbequemen.“ Thomas Berthold sagt bei seinem Auftritt in Stuttgart, seine Frau habe ihn auch einmal aus dem Krankenhaus geholt und mit Naturprodukten geheilt, nachdem sein Immunsystem vor dem Kollaps gestanden habe – für ihn (allerdings unbewiesen) die Folge einer Gelbfieber-Impfung vier, fünf Jahre davor. Berthold sagt, aus seinem Sportlerleben habe er „20 Jahre Erfahrung in Mikrobiologie“. Mit seinem Wissen und Informationen, die es noch zu sammeln gelte, will er die Regierenden nun „penetrieren“.

Die Bertholds gehören also vor allem in ihrer Mission als Impfgegner zur Querdenken-Bewegung. Mit rechtem Gedankengut wollen sie nichts zu tun haben, sagte Thomas Berthold der „Bild am Sonntag“.

Allerdings: Vor 21 Jahren machte sich der damals noch kickende Berthold in einer PR-Kampagne eines Online-Buchhändlers für das Werk „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ des heute noch sehr angesagten Verschwörungserzählers Jan van Helsing stark, der den Mythos von der Weltverschwörung durch Juden, Freimaurer und politisch eher links Denkende verbreitet. Thomas Berthold nannte es sein „Lieblingssachbuch“.

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