Lagos – Wohlfühl-Atmosphäre statt knallharter Trainingseinheiten. So sieht die Idealvorstellung von Bayern-Trainer Hansi Flick für den Angriff auf den Henkelpott aus. „Wir müssen die Akkus aufladen“, gab der Fußballlehrer gestern vor der ersten Trainingseinheit in Lagos die interne Marschroute für die nächsten Tage vor.
In der Praxis sieht das so aus: Lediglich am Vormittag bittet Flick seine Mannschaft zum Training auf den Platz, der nur knapp hundert Meter von den Zimmern des Cascade Wellness Resort der Spieler entfernt liegt. Gestern stand, das Chelsea-Spiel vom Wochenende noch in den Knochen, bewusst eine lockere Einheit an. Nach dem Warmmachen wurde ein Kreis gespielt, es folgten Passübungen und Spielformen auf kleine Tore. Bewusst locker bei 35 Grad Außentemperatur und einer kühlen Atlantik-Brise.
Dass Flicks persönliches und das Ziel der Mannschaft der Champions-League-Sieg ist, daraus macht er mittlerweile auch öffentlich kein Geheimnis mehr. „Es ist etwas ganz Besonderes. So ein Turnier gab es noch nie auf Vereinsebene“, sagt Flick und fügt an: „Wir wollen das Glück erzwingen.“ Darum steht heute Vormittag die erste taktische Einheit auf dem Platz an, um sich auf Viertelfinal-Gegner Barcelona (Freitag, 20 Uhr, Sky) einzustellen.
Was sich im ersten Moment nach viel Arbeit auf dem Platz anhört, ist vergleichsweise ein lockeres Programm für ein Kurz-Trainingslager. Denn: So konzentriert und intensiv am Vormittag gearbeitet wird, so entspannter ist die Zeiteinteilung der Bayern-Kicker am Nachmittag: Nach dem gemeinsamen Mittagessen stehen diverse Mannschaftsbesprechungen an, – wie beispielsweise die Video-Analyse von Viertelfinal-Gegner Barcelona – den restlichen Nachmittag haben die Spieler zur freien Verfügung.
Flick verriet gestern, dass er kein Problem damit habe, wenn seine Schützlinge die freie Zeit für ein paar Abschläge am hoteleigenen Golfplatz oder Ausflüge zum Strand nutzen. Die weitläufige Hotelanlage mit ihren zahlreichen Möglichkeiten zum Entspannen am Pool, unter Palmen oder auf den Zimmerbalkonen trägt ihren Teil zum Wohlfühl-Faktor in Portugal bei.
„In Lissabon hätten wir nicht so gute Bedingungen gehabt. Hier können wir gut trainieren. Hier ist alles abgeschottet“, betont der Coach. Das bei Fußballvereinen beliebte Trainingsquartier wollte auch Paris Saint-Germain buchen. Die Bayern waren aber flotter. PSG mit Trainer Thomas Tuchel musste ins 90 Kilometer entfernte Faro ausweichen. Der Münchner Cheftrainer weiß seit der WM 2014 um die Wichtigkeit, sich vor einem großen Turnier eine Wohlfühloase zu schaffen, damit es letztendlich zum großen Coup reicht. Nicht umsonst meinte Thomas Müller noch unmittelbar nach dem Viertelfinal-Rückspiel gegen Chelsea: „Eine gute Mischung ist wichtig. Wir müssen clever trainieren – und listig sein.“ Der „Schuss Lockerheit“ dürfe auf keinen Fall fehlen, „wir müssen eine Wohlfühl-Atmosphäre schaffen“. Gleichzeitig betont er: „Wir dürfen jetzt nicht sagen: Wir sind in Portugal, in der Nähe des Meeres, jetzt machen wir eine Urlaubsreise.“
Flick ist empathisch genug, um den Spagat zu vollziehen, damit die Münchner mit dem Henkelpott in ihren wirklichen Urlaub fahren.