Lagos/München – Bei Javi Martinez war die Sache eindeutig. Es dauerte am Samstag eine gute halbe Minute, bis der Spanier die perfekte Pose gefunden hatte. Von hinten, mit Blick in die Allianz Arena, wollte er nach dem 4:1 gegen den FC Chelsea fotografiert werden, das klassische Abschiedsmotiv – geschossen von Lucas Hernandez – sollte sitzen. Thiago verhielt sich da ein bisschen unauffälliger. Er betrat nach dem Duschen den Rasen, blieb stehen, atmete zwei, drei Mal tief durch und machte sich dann auf den Weg. Ein letztes Mal über diesen Rasen, auf dem er sieben Jahre lang hat zaubern dürfen.
Der Abgang des Spaniers im Sommer, also ein Jahr vor seinem Vertragsende in München, ist noch nicht offiziell. Da er aber als sicher gilt, kann man Thiago beim FC Bayern aktuell bei vielen „letzten Malen“ zusehen. Ein letztes Achtelfinale in der Champions League hat er im roten Trikot schon bestritten, ein letztes Viertelfinale folgt morgen. Am kommenden Mittwoch würde ein letztes Halbfinale anstehen, und läuft alles optimal, erreicht er dann mit seinem Club auch noch ein letztes (und erstes!) Mal das Endspiel. Drei Partien sind es maximal, an ein lockeres Ausklingen aber denkt der 29-Jährige nicht. Im Gegenteil: Diese drei Spiele haben es in sich. Für den ganzen Club – aber für Thiago besonders.
„Seit zehn Jahren ist Thiago schon auf der internationalen Bühne“, sagte Thomas Müller dieser Tage. Das sollte ein Lob sein für den Mann, „der mit dem Ball umgehen kann, aber auch ein Balldieb ist“. Der Satz erinnerte viele Kritiker aber auch an das Manko, das man Thiago – 2013 von Pep Guardiola mit dem inzwischen ausgelutschten Satz „Thiago oder nix“ verpflichtet – nachsagt. Ein begnadeter Kicker ist der Sohn von Brasilien-Weltmeister Mazinho, ein Zauberfuß, sagt man. Aber auch einer, der in den wichtigen Spielen zu selten entscheidende Akzente hat setzen können. Die Defensivarbeit galt lange als seine Schwachstelle, das Aufopfern für die Mannschaft – nach hinten, nicht nach vorne. In seiner aktuellen Rolle, der Zentrale neben Leon Goretzka, ist er vor allem für Spielaufbau und Absicherung zuständig. Im Training von Lagos gibt er genauso Vollgas wie am Samstag gegen Chelsea. Ein, zwei Mal sah man ihn da über den Platz schlittern. Jedes Mal hatte er danach den Ball am Fuß.
„Er kann – so wie heute – in der Defensive Bälle gewinnen, aber auch das Spiel bestimmen“, sagte Flick nach der Partie. Die Auftritte in Lagos machen dem Coach Hoffnung, dass er „so weitermacht“. Übungen im Teamtraining machte Thiago gestern vor, ging oft vorweg. Nach der Versetzung von Joshua Kimmich in die Abwehr ist er gefragt, morgen, im emotionalen Spiel gegen seinen Ex-Club Barca. Und dann am Mittwoch womöglich gegen seinen Mentor Guardiola. Das Verhältnis des Duos galt zwischenzeitlich als abgekühlt, hat sich aber gebessert. So sehr, dass man darüber munkelt, dass ManCity in den Poker noch einsteigen könnte. Liverpool muss erst mal Geld locker machen.
Eine Anfrage hat es nach wie vor nicht gegeben, man wird sich aber laut Karl-Heinz Rummenigge bei einer „seriösen und fairen Ablösesumme mit dem Fall befassen“. Gerne lassen die Bayern Thiago nicht ziehen, aber unter anderem Flick hat aufgegeben. „Als Mensch und Sportler kann ich ihn verstehen“, sagte er der „Sport Bild“.
Reisende soll man nicht aufhalten, aber: Man wünscht sich von Thiago ein Abschiedsgeschenk. Kein Foto in cooler Pose, sondern eines mit Henkelpott.