„Sappradi, Bursch!“

von Redaktion

Kitzbühel 1981: Auf der Streif zerlegte es die Abfahrer, Harry Valerien redete sich in Rage

VON GÜNTER KLEIN

Wenn Harry Valerien sich von der Skipiste meldete, war er ja immer gut. Die Zuschauer mochten seine bayerische Sprachfärbung, seine Hüttengemütlichkeit und all die Geschichten, die er auspackte. Von sehr viel früher und noch recht frisch von gestern, weil der Ski-Reporter und seine Redakteure da jeden der Weltcup-Skifahrer noch im Ort, im Hotel, beim Essen oder sonstwo getroffen hatten. Jeder kannte jeden und legte dem anderen sein Innerstes dar. Die alpinen Skifahrer – die familiärste Großfamilie der Welt. Zusammen leben, zusammen leiden.

Vor allem, wenn Abfahrt war, teilte man den Schmerz. Und die schlimmste Abfahrt war (und ist) die Streif in Kitzbühel. Dritte Januar-Woche, der Samstag, Mittagszeit. Fast jedes Jahr gibt es heute noch ein paar ordentliche Zerlegungen zwischen Mausefalle und Zielschuss (oder noch auf selbigem). Das derbste Sturzrennen erlebte die Streif zweifelsohne 1981. Das ZDF übertrug. Harry Valerien war am Mikrofon.

Die Strecke ist besonders grimmig, die Sicht nicht gut, es liegt Neuschnee. Es fängt früh an mit Unterbrechungen. Harry Valerien gerät in sein Element. Er erzählt. Dann geht es weiter – und die Läufer fliegen raus, Nummer 9 Gerhard Pfaffenbichler, Österreich. Die 15: David Irwin, einer der verrückten Kanadier. Nummer 17: Bojan Krizaj, eigentlich Slalomspezialist. Nummer 18: Hans Enn. Und danach noch 20, 22, 25, 26, 31, 34, 37, 38, 39, 42, 51, 53, 60. Die Läufer sind überfordert, Harry Valerien kommt aus seinen „Sappradi, Bursch!“-Rufen nicht mehr heraus.

Am meisten setzt ihm die Fahrt der Nummer 19 zu. Ingemar Stenmark. Der Schwede beherrscht die Szenerie im Slalom und Riesenslalom, in den technischen Disziplinen hat bis heute keiner öfter gewonnen als er. Doch er fürchtet die Geschwindigkeit, Abfahrt ist ein fremder Sport für ihn. Zwei Jahre zuvor hat es Stenmark, der alles kontrollieren will, beim Abfahrtstraining im Schnalstal ausgehoben. Er meidet daher die Abteilung Speed (als er sich später bei einem Super-G versucht, wird er Letzter). Aber: In Kitzbühel wird auch eine Kombination gefahren, die Abfahrt mit dem Spezialslalom am anderen Tag zusammengerechnet. Nur mit diesen Bonuspunkten kann Stemark den Gesamtweltcup gewinnen, also leiht er sich einen österreichischen Rennanzug und fährt die Streif hinunter. Obwohl er da nicht hingehört, darf er nach der ersten Gruppe starten.

Ab dem 16. Fahrer wird in kürzeren Abständen gestartet, gezeigt wird nicht mehr die komplette Fahrt, es wird hin- und hergeschaltet, auch der Profi Valerien lässt sich verwirren. Nummer 18 Hans Enn, Nummer 19 Ingemar Stenmark, beide im weißen Anzug. Es zerreißt schließlich Hans Enn, und Valerien glaubt, es handle sich um seinen Spezl Ingemar. Das „Sappradi, Bursch“ wird lauter, es schließt sich ein „Um Gottes Willen, Ingemar!“ an, als ein Läufer reglos im Schnee liegt. Die Nummer 18 rappelt sich dann wieder auf, Valerien sieht die 18 und sagt: „Gott sei Dank, es ist nur Hans Enn“ – wofür er sich später bei dem Österreicher entschuldigte.

Von 59 Startern ziehen vier zurück, sechzehn stürzen (die Vorläufer nicht mitgezählt) – unter ihnen der Deutsche Klaus Gattermann, dessen Karriere damit faktisch beendet ist. Ingemar Stenmark kommt ins Ziel – ängstlich, aufrecht, als 34., knapp elf Sekunden hinter Sieger Steve Podborski (Kanada). „Unten feiern die Läufer ihren Sieg, oben kämpfen sie ums Überleben“ – auch dieser Valerien-Satz hallte nach.

Stenmark gewann am nächsten Tag den Slalom und wurde Zweiter in der Kombinationswertung, die am Ende nur vier Läufer führte. Kitzbühel ’81 war eben sehr selektiv.

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