Wenn der Sport das Leben rettet

von Redaktion

Bodybuilder Kevin Wolter überwand durch hartes Training traumatische Erfahrungen

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

München – Es war eine Kindheit, die seelische Schäden hinterließ. Kevin Wolter, 1987 in Berlin geboren, wuchs in einer Vierzimmerwohnung mitten in der Stadt auf. Der Vater arbeitete im Außendienst, verdiente gut. Klingt zunächst mal nach einer behutsamen Kindheit. Doch Wolters Mutter litt an Psychosen und kämpfte gegen eine Alkoholsucht an. Nachts rüttelte sie ihren Sohn wach, schlug ihn, gab ihm die Schuld für ihre Probleme. Bereits mit sieben Jahren erhielt Kevin kinderpsychologische Betreuung.

Heftig wurde es nach der Trennung der Eltern: Die Mutter klagte gegen den Papa, der musste sein Gehalt verpfänden, verlor schließlich seinen Job und musste als alleinerziehender Vater Sozialhilfe beantragen. Eine schwere Zeit, in dieser der Frust bei Wolter wuchs. Nach der Schule verkroch sich der Jugendliche direkt auf sein Zimmer, kämpfte gegen die Sorgen mit Gummibärchen und Chips an: „Mein Leben bestand nur noch aus fressen und zocken.“ Mit 13 Jahren brachte er knapp 100 Kilo auf die Waage. Wolter fing an Gras zu konsumieren und Kinder aus der Nachbarschaft zu tyranniseren. Beim Arzt erhielt er die Diagnose ADHS. Fast täglich klingelte die Polizei beim Hause Wolter.

Als der Vater eine neue Freundin kennenlernte, die ein Gym besitzt, musste Kevin jeden Tag nach der Schule im Fitnessstudio antanzen. Anfangs setzte er sich einfach auf eine Bank und beobachtete demotiviert die Aerobic-Kurse. Eines Tages schnappte er sich aus Langeweile eine Hantel und begann seinen Bizeps zu trainieren. Zu dem Zeitpunkt ahnte das Problemkind noch nicht, dass der Sport fortan sein Leben bestimmen sollte.

Neben Kraftsport probierte der Heranwachsende Akido, Handball und Rugby aus. Und er boxte, aber nicht mehr auf der Straße, sondern im Ring. Zumindest eine Zeit lang. Mit Ende 17 verlagerte er wieder mal einen Kampf auf die Straße, wollte einem Jugendlichen Wertgegenstände abziehen, schlug zu. Wolter kam vor Gericht. Er kannte das, über 80 Strafanzeigen hatten sich im Laufe der Jahre angesammelt. Die meisten Ordnungshüter urteilten aufgrund der traumatischen Kindheit und der ADHS-Diagnose milde. Dieses Mal war das Glück jedoch aufgebraucht, der zuständige Richter zeigte keine Gnade und wollte Wolter ins Gefängnis stecken. Dessen Anwalt versprach dem Richter jedoch, dass sein Mandant sein Leben nun von Grund auf ändern möchte und zur Bundeswehr geht. Ein Vorschlag, der den Schläger vor einem (zumindest temporären) Leben hinter Gittern rettete.

Am 4. Oktober 2004 bezog Wolter seine Stube in der Kaserne Bremerhaven. Plötzlich gab es feste Strukturen und Tagesabläufe, die Zeiten des Kiffens und Herumlungern auf der Straße waren vorbei. Durch den sportlichen Alltag in der Kaserne nahm Wolter während der Grundausbildung zehn Kilo ab.

2008 wird er im Rahmen der International Security Assistance Force nach Afghanistan verlegt. Missionen mit voller Ausrüstung bei bis zu 50 Grad und der ständige Kontakt mit dem Tod. Wolter sah zahlreiche Kameraden sterben. Nach den Einsätzen war es abends wieder der Sport, der den Berufssoldat zumindest für eine Stunde ablenkte: „Jede Minute, die ich entbehren konnte, trainierte ich wie besessen, um gegen dieses stumpfe Gefühl in mir anzukämpfen, das kam, sobald mein Adrenalinspiegel abzusacken drohte.“

Nach vier kräfteraubenden Jahren kehrte er der Bundeswehr den Rücken zu. In Deutschland hatte Wolter immer wieder mit Panikattacken und Tagträumen zu kämpfen. Von einem Kumpel aus dem Gym lieh er sich eine Knarre, er wollte sein Leben beenden. Dass die Patrone nicht explodierte war „der Sechser im Lotto und mein zweiter Geburtstag.“

Im Bundeswehrkrankenhaus erhielt Wolter anschließend die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die verstörenden Bilder aus Afghanistan belagerten ihn Tag und Nacht. Doch die Gespräche mit der Psychologin halfen dem Kriegsveteranen, sich mit seinen Ängsten und seiner Wut auseinanderzusetzen. Zudem setzte er nun alles auf die Karte Sport, jede Minute investierte er in das Stemmen von Eisen in einem Fitnessstudio in Berlin. Wolter möchte professioneller Bodybuilder werden.

Schnell gewann er erste Wettkämpfe und machte sich einen Namen in der Szene. Die Vorbereitung auf einen Contest ist hart: „Man kennt keine Familie, keine Freunde und keine anderen sozialen Kontakte mehr, sondern lebt ausschließlich für den Sport.“

2016 startete Wolter zunächst mit Freunden – ab 2018 dann alleine – einen Kanal auf YouTube, um Einblicke in das Leben eines Kraftsportlers zu geben. Mittlerweile ist der Athlet längst ein Star in den sozialen Medien. Auf YouTube sehen 662 000 Abonnenten zu, wie Wolter 220 Kilogramm beim Bankdrücken bezwingt.

Es ist der Sport, der dem heute 32-Jährigen das Leben rettete: „Denn wäre in meinem Leben alles so gelaufen, wie es im Leben einmal läuft und es am wahrscheinlichsten ist, dann wäre ich schon lange tot oder säße im Knast.“

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