„Ich habe den Stolz auf Deutschland verloren“

von Redaktion

Matthias Bühler, Deutscher Meister im Hürdensprint, prangert das Fördersystem an

München – Drei Jahre lang war Hürdenläufer Matthias Bühler von der großen Leichtathletik-Bühne verschwunden. Jetzt meldete er sich eindrucksvoll zurück, indem er bei den Deutschen Meisterschaften in 13,62 Sekunden den Titel über 110 Meter Hürden holte. Und das mit 33 Jahren. Der Haslacher, der für die LG Eintracht Frankfurt startet, hat schon das nächste Ziel vor Augen: Olympia in Tokio. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht Bühler über seinen Weg zurück und prangert dabei auch das Versagen der deutschen Sportförderung an.

Herr Bühler, nachträglich Glückwunsch zur Deutschen Meisterschaft! Wie ist das, den Titel vor leeren Rängen zu gewinnen?

Man hat sich darauf eingestellt. Natürlich laufe ich lieber im vollen Stadion. Aber in den 13 Sekunden macht es keinen Unterschied, ob vor 80 000 Zuschauern oder leeren Rängen. Man ist voll auf seinen Lauf konzentriert.

Man hat mit Ihnen nicht mehr gerechnet…

Ich habe erst vor einem Jahr wieder angefangen, und dass ich gewonnen habe, ist natürlich ein Traum. Ich wäre gerne unter 13,60 gelaufen. Auf weichen Bahnen kann man aber keine Topzeiten laufen.

Haben Sie mit 33 Jahren noch sportliche Ziele?

Die Olympischen Spiele 2021 in Tokio sind mein Traum und der Grund, warum ich weitermache. Ich habe jetzt noch ein Jahr Zeit, mich zu qualifizieren. Dafür gebe ich alles.

Nach Ihrem Karriereende haben Sie zunächst als Informatiker gearbeitet. Wann war für Sie klar, dass Sie zurück zum Leistungssport möchten?

Das war spontan. Ich bin davon ausgegangen, dass meine Karriere vorbei ist, hatte Probleme in allen möglichen Körperbereichen: Becken, Rücken, Hüfte – ich konnte zu diesem Zeitpunkt keinen Leistungssport mehr machen. Nach einem Jahr ging es mir besser. Ich habe im Wald Sprints gemacht, war wieder im Fitnessstudio und habe meinen Eltern gesagt: „Ich könnte die Quali für Paris (dort sollte die EM stattfinden d. Red.) schaffen, wenn ich jetzt anfange zu trainieren.“ Wichtig ist auch das Finanzielle. Meine Eltern haben aber zugesagt, mich zu unterstützen.

2017 übten Sie Kritik an der deutschen Sportförderung. Hat sich seitdem etwas getan?

Nein, gar nicht. Ich habe immer wieder angesprochen, dass die Sportförderung nicht gut ist und ich von der Sportpolitik mehr erwarte. In Frankreich, England und den USA werden die Athleten so toll gefördert, bei uns überhaupt nicht. Das betrifft nicht nur die Leichtathletik, sondern alle olympischen Sportarten. Wir werden hängen gelassen. Selbst für die Olympia-Teilnahme bekommt man keinen Cent. Ich kann diesen Sport machen, weil mich meine Eltern unterstützen. Wenn wir kein so gutes Verhältnis hätten, hätte ich schon vor Jahren aufgehört.

Wenn man keine private Unterstützung erhält, kann man als Leichtathlet also aufgeben?

Es gibt Möglichkeiten über Bundeswehr und Polizei. Ich war auch bei der Bundeswehr, aber da wird viel verlangt. 2011 habe ich für zwei Monate einen Lehrgang besucht. Das war die schlechteste Saison meiner Karriere. Ich wurde krank, weil ich als Soldat in der Kälte zelten musste. Mir geht es nur um meine sportliche Leistung – und wenn die durch meinen Förderer negativ beeinflusst wird, ist das nicht fair. Für viele Athleten ist das jedoch die einzige Chance, an Geld zu kommen. Deshalb nehmen sie die Nachteile in Kauf.

Was schlagen Sie vor?

Olympische Athleten brauchen eine bedingungslose Förderung vom Staat. Eine transparente Förderung, bei der man weiß, wenn ich dies und jenes erreicht habe, bin ich für zwei Jahre abgesichert. Dass ich so unterstützt werde, ist mein Glück und der Grund, warum ich achtmal deutscher Meister geworden bin. Ich bin unheimlich dankbar, aber gleichzeitig auch enttäuscht. Wenn ich für Deutschland starte, bin ich nicht mehr stolz. Ich habe diesen Stolz auf mein Heimatland, das ich liebe, verloren. Die Fans interessieren sich für mich, aber Unterstützung bekomme ich keine. Das ist verletzend.

Glauben Sie, dass sich das in Zukunft bessern wird?

Nein. Als ich das 2017 angesprochen habe, wurde ich viel von den Nationalmannschaftskollegen angegriffen. Ich hab das gemacht, um die Zukunft des Sports zu sichern, damit sich etwas bewegt. Es hat sich in den drei Jahren aber nichts getan und durch die Corona-Krise wird sich das auch nicht ändern. Für mich ist die einzige Lösung, dass der Staat eingreift. Es müsste eine Staffelung geben für Teilnehmer an Europa- und Weltmeisterschaften, für Olympia-Athleten vielleicht den höchsten Betrag. Das wird aber nicht so kommen, weil die Sportpolitik meiner Meinung nach völlig versagt. Der Verband gibt alles, hat auch die Deutsche Meisterschaft toll auf die Beine gestellt. Es wird versucht, die Leichtathletik zu retten und wieder in den Fokus zu rücken. Aber ohne staatliche Förderung für die Athleten wird das schwierig.

Welche Folgen hat diese Situation?

Man sieht, dass es immer weniger Athleten gibt, die den Sport auf höchstem Niveau ausführen. Als ich 2007 zum ersten Mal bei den Deutschen Meisterschaften war, bin ich mit einer 13,97 als Letzter ins Finale gekommen, 2020 hat eine 14,60 gereicht. Die Leistungsdichte an der Spitze fehlt. In Deutschland spricht das keiner an, weil man vom Verband und vom DOSB angekreidet wird. Man muss immer still sein, sich dem System anpassen und zufrieden sein. Aber ich sage, was ich denke. Ich setze mich für die Athleten in ganz Deutschland ein, damit man für sportliche Leistungen wieder belohnt wird. Wenn es niemand versucht, wird es auch nicht gelingen.

Interview: Julian Nett

„Wir werden von der Sportförderung hängen gelassen“

„Man muss als Athlet immer still sein und sich dem System anpassen“

Artikel 1 von 11