Lissabon/München – Oktober 2019, zweite Runde im DFB-Pokal: Der FC Bayern gastiert beim VFL Bochum – und kommt mit einem dunkelblauen Auge davon. Bis zur 83. Minute liegt der Rekordmeister beim Zweitligisten 0:1 zurück, ehe Serge Gnabry und Thomas Müller die Partie mit ihren späten Toren zum 2:1-Sieg drehen. Die Münchner Verantwortlichen sind angesichts des leb- und planlosen Auftritt ihrer Mannschaft fassungslos – die internen Zweifel an Trainer Niko Kovac nehmen zu.
Drei Tage später folgt die 1:5-Klatsche von Frankfurt – damit ist das Aus für Niko Kovac beim FC Bayern besiegelt. Hansi Flick springt ein und begeistert – anfänglich als Interimslösung. Sein Verständnis von Fußball, seine Trainingssteuerung und seine Empathie auf und neben dem Platz findet bei allen Verantwortlichen Anklang. Logische Konsequenz: die dauerhafte Beförderung zum Cheftrainer im April dieses Jahres.
Der Erfolgscoach blickte am Sonntag kurz zurück. „Im November war zu lesen, dass keiner mehr Angst vor der Mannschaft hat, dass sie schlecht ist. Das muss man auch mal sagen. Wir haben uns danach im Training enorm gesteigert. Ich muss meiner Mannschaft ein Riesenkompliment machen. Wir haben hart gearbeitet, dass wir so erfolgreich geworden sind in diesem Jahr“, sagte Flick nach dem Triumph in Lissabon. In nur zehn Monaten hat es Flick nun zum Triple-Trainer geschafft. Mit einer Mannschaft, vor der sich ganz Europa verneigt. Wie hat er das gemacht?
Vision: Flick war vom ersten Moment von der Qualität seiner Mannschaft überzeugt. Kein Wunder, zahlreiche Spieler wie Manuel Neuer, Thomas Müller und Jerome Boateng kannte er noch aus seiner Zeit als Co-Trainer der Nationalmannschaft. Hinzu kommt die 95er-Generation um Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Niklas Süle. Das lernwillige Quartett kannte Flick aus seiner Zeit als ehemaliger DFB-Sportdirektor. Im Trainingslager in Doha fasste er seinen Triple-Plan, wie er bei der Feier von Lissabon verriet: „Dass wir jetzt hier stehen, war irgendwo ein Plan, als wir in Doha im Trainingslager waren. Wir haben dort drei Pokale gezeigt: die Schale, den DFB-Pokal und einmal den hier (hebt Henkelpott hoch/Red.).“ Angestachelt vom unbändigen Vertrauen ihres Trainers begannen die Spieler, selbst an diesem Erfolg zu glauben. Mit Erfolg.
Teamgeist: In der Stunde seines größten Triumphs wurde Flick gefragt, wie er denn die Mannschaft seit November umgekrempelt habe. Der Triple-Trainer: „Wir haben eine gute Atmosphäre. Für mich ist es zudem wichtig, dass wir eine gegenseitige Wertschätzung haben und das haben wir.“ Bei Flick kämpft jeder gerne für den anderen und auch die Ersatzspieler sehen sich als wichtiger Teil des großen Ganzen. Thomas Müller erklärt den einmaligen Teamgeist so: „Die Jungs sind bereit zu leiden. Wir streiten uns, wer den Fehler des anderen ausbügeln darf.“
Spielphilosophie: Der Fußballlehrer hat es innerhalb weniger Monate geschafft, dem FC Bayern wieder eine Spielidee einzuimpfen: Hoch verteidigen, aggressiv pressen und auch mal bewusst Konterangriffe kassieren. Seit Pep Guardiola waren die Münchner auf der Suche nach einer Spielphilosophie. Was Carlo Ancelotti und Niko Kovac nicht gelang, hat Flick durch harte Arbeit mit seinem Trainerteam erreicht.