Der Teamgeist der Bayern

Pokale für Romantiker

von Redaktion

DANIEL MÜKSCH

Was wurde zu Beginn der Corona-Pause nicht versucht, das Positive aus der Zwangspause auf dem Rasen zu ziehen: Gedeckelte Gehälter und Ablösesummen, reduzierte Berater-Honorare oder gerechtere Fernsehgeldverteilung. All diese Forderungen waberten durch die lahmgelegte Kicker-Industrie. Stets mit dem Wunsch verknüpft, sich ein Stück heile Fußballwelt zurückzuerobern. Inzwischen hat die Realität diese Träume weitgehend geschluckt.

Dennoch kamen alle Fußball-Romantiker in dieser besonderen Spielzeit 2019/20 auf ihre Kosten. Mit dem Höhepunkt am allerletzten Spieltag. Am Sonntag in Lissabon. Im Finale der Königsklasse stellten die Triple-Gewinner vom FC Bayern unter Beweis: Selbst wenn viele Stars heute als Ich-AG durch den Unterhaltungsbetrieb Profi-Fußball stolzieren – den maximalen Erfolg kann nur eine perfekt harmonisierende Gemeinschaft erreichen. Eine Mannschaft wie der FC Bayern 2020. Elf Individuen, die auf dem Platz zu einer Gemeinschaft verschmelzen. Selbst bei Einwechselspielern und Betreuerstab ist kein Identifikationsabfall auszumachen.

Bei der Suche nach den Gründen für das berauschende Wir-Gefühl kommt man an einem Namen nicht vorbei: Hansi Flick. Er hat es geschafft, jedem Spieler seine Wertschätzung zu vermitteln. Joshua Kimmich schwärmte kurz nach dem Schlusspfiff, wie schön es sei mit „Brüdern“ einen solchen Sieg zu feiern. Der von Flick wiederbelebte Thomas Müller befürchtete „zu schnulzig“ zu werden, als er sein Team charakterisierte: „Der Haufen ist Wahnsinn.“ Für den Trainer hat der Teamgeist auch eine praktische Note: Seine Idee vom Pressing verlangt den aufopferungsvollen Einsatz für die Kollegen. Sonst rennt man umsonst und das Pressing verpufft – gerade gegen passsichere Gegner. Flick musste daher vom ersten Tag als Cheftrainer an ein besonderes Interesse an der Geschlossenheit haben, da er sonst seine Spielidee nicht hätte verwirklichen können.

Nun wird es die Aufgabe des Bayer-Trainers sein, diesen Hunger seiner Spieler am Leben zu erhalten. Und neue Stars wie Leroy Sané zu integrieren. Getreu dem Motto: „Elf Freunde müsst ihr sein“ – mehr Fußball-Romantik geht nicht. Und dass so eine Floskel im Jahr 2020 als Erfolgsformel funktioniert, ist fast so sensationell wie der Triple-Erfolg des FC Bayern.

Daniel.Mueksch@ovb.net

Artikel 1 von 11