München – Dennis Endras, Torhüter bei den Adlern Mannheim, erzählte diese Woche im Podcast „Die Eishockey Show“ von ganz neuen Schwierigkeiten im Beruf, mit denen er nie gerechnet hätte: „Wenn man sechs Monate nicht auf dem Eis gewesen ist, sind auch die Augen weniger trainiert, und man muss sich erst wieder daran gewöhnen, dass man das kleine Schwarze überhaupt sieht.“ In normalen Jahren ist der gebürtige Allgäuer sogar im Sommer gelegentlich auf dem Eis, NHL-Star Sidney Crosby hat ihn sogar für private Trainingseinheiten gebucht, wenn er Urlaub in Europa machte, aber nicht einrosten wollte.
Heuer indes: Crosby konnte gar nicht erst über den Atlantik reisen, und Endras musste warten, bis in Mannheim wieder trainiert wurde. Das volle Programm fahren die Adler aber noch nicht, für sie steht frühestens im Oktober das erste Spiel an, in der Champions League. Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) plant ihren Start für 13. November. Mit Zuschauern.
Doch sie weiß nicht, ob das möglich sein wird. Die Konferenz der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin hat von der Unsicherheit nichts genommen, DEL-Chef Gernot Tripcke wirkte unglücklich, als er am Freitagmorgen vom Laptop aus ins ZDF-Frühstücksfernsehen zugeschaltet wurde. Dass bis 31. Oktober Zuschauer den Sportgroßveranstaltungen fernbleiben sollen, betrifft das Eishockey zunächst nicht. Wohl aber, dass diese Regelung auch bis Jahresende im Raum steht, so denn eine Arbeitsgruppe nicht zu dem Ergebnis kommt, dass das nicht sein müsse. Doch Tripcke weist darauf hin, dass jede Liga bis zum Start eine Vorlaufzeit benötigt. Sechs bis acht Wochen. Die DEL würde Mitte September gerne ihren Spielplan veröffentlichen. Derzeit sind etliche Teams in Kurzarbeit, die Stadien abgesperrt.
Mannschaftssportarten, die in Hallen stattfinden, haben es noch schwerer als der Fußball mit seinem Pro-Argument, an der frischen Luft den Aerosolen zu entgehen. Eishockey. Hand- und Basketball (plus Volleyball) bespielen die unterschiedlichsten Arenen: von der Schulturnhalle bis zum Multifunktionspalast. Doch egal, wo sie spielen: Sie müssen ihre Ränge besetzen, denn den fetten Fernsehvertrag (Eishockey, Basketball MagentaSport, Handball Sky) hat keiner. Von den Medienerlösen kann man vielleicht zwei Spieler bezahlen. Hauptsponsor ist in der Regel der Fan. „Unsere Geschäftsgrundlage“, so Handball-Bundesliga-Geschäftsführer Frank Bohmann. Er hatte Spiele ab 1. Oktober geplant. Ohne Zuschauer? Denkbar nur für eine „kurze Übergangszeit“.
Die Ligen werden Entscheidungen treffen müssen – und die können bis zur Absage der kompletten Saison führen, weil sie eher überleben, wenn sie ihre Spieler in staatlich bezahlte Kurzarbeit schicken als sie selbst zu bezahlen, aber mangels Zuschauern die erforderlichen Einnahmen nicht generieren können. Es sind Szenarien, die vorerst noch intern gehandelt und nach außen nur zart angedeutet werden – wie jüngst durch Gernot Tripcke, der anmerkte, dass doch eine starke Nationalmannschaft gewünscht sei. Doch würden die Spieler Leistung liefern können, wenn sie eine Saison keinen Betrieb haben?
Offiziell spielt man auf Zeit. Die DEL will die „konkreten Umsetzungen der Länder“ abwarten. Die sind maßgebend, wenn es um die Zulassung von Zuschauern geht. Was wiederum abhängig ist von den Infektionszahlen an den jeweiligen Orten. Hygienekonzepte haben die Sportarten längst entwickelt. Die Grundbedingung – Konktaktnachverfolgung von Besuchern – könnten sie erfüllen.
„Konzepte gibt es genug“, sagt Stefan Holz, Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga. Er mahnt an: „Es wäre schon wichtig, dass allmählich mal verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, mit denen man planen kann.“ Frank Bohmann von den Handballern reklamiert: „Wenn wir ständig neue Rahmenbedingungen bekommen, dann arbeiten wir ins Leere hinein.“ Tripcke stößt sauer auf, dass sich die Politik bislang vor allem mit Konzertplänen wie in Düsseldorf auseinandersetzte. Der Sport, der im Schatten des Fußballs steht, fühlt sich derzeit übersehen. (mit dpa und sid)