Die Tour de Corona

Fahrt ins Ungewisse

von Redaktion

ARMIN GIBIS

Die Tour de France kann man sich gar nicht anders vorstellen: Menschenmeere, die durchpflügt werden von Helden der Landstraße, karnevalsartige Tumulte in den Bergen, Radsport als landesweites Spektakel. Diese Bilder haben das berühmteste und schwerste Radrennen der Welt über Jahrzehnte geprägt. Und genau diese Impressionen passen überhaupt nicht mehr in Zeiten, in denen es bei Großveranstaltungen um die Minimierung des massenhaften Miteinanders geht. Wichtig sind nun: Reduzierte Zuschauerzahlen, Abstand halten, sich aus dem Weg gehen, Schutzmasken tragen. Da bleibt nicht mehr viel Platz für ausschweifende Begeisterung. Kein Zweifel: Die Tour 2020 wird nicht mehr die Tour von früher sein.

Und doch sind die Veranstalter wild entschlossen, dieses legendäre, als nationales Kulturgut geltende Radrennen irgendwie durchs Land zu boxen. Die Tour, so rühmen sich die Franzosen gerne, habe sich nur von zwei Weltkriegen stoppen lassen. Somit nimmt man es nun auch mit einer Pandemie auf.

Tour-Chef Christian Prudhomme hat dabei Geisterrennen ausgeschlossen. Eine Tour ohne Zuschauer, so betonte er, mache keinen Sinn. Damit im vom Corona-Virus schwer geplagten Frankreich durch die Velo-Party kein zusätzlicher Risikoherd entsteht, wurde ein umfangreiches Hygienekonzept ausgetüftelt. Nur: Wird es tatsächlich größeren Schaden abwenden können? Lassen sich die heitere Zügellosigkeit gewohnten Radsport-Fans – zu Zig-Tausenden verteilt auf 3500 Kilometer – wirksam disziplinieren? Und was wird, wenn die Infektionszahlen im ganzen Land weiter rapide ansteigen?

Trotz aller Bedenken: Die 186 Fahrer werden an diesem Samstag in Nizza dennoch zum Trip durch französische Corona-Krisengebiete aufbrechen. Die meisten klaglos. Denn der Radsport, der ja nicht mit TV-Geldern alimentiert wird, braucht die Tour. Dringender denn je. Die meisten Rennställe kämpfen aufgrund der fast fünfmonatigen Corona-Zwangspause um ihre Existenz. Die Sponsoren – meist die alleinigen Geldgeber – legen größten Wert auf öffentliche Präsenz. Der Auftritt auf der großen Tour-Bühne ist somit überlebenswichtig. Damit könnte diese stark verkürzte Saison – vielleicht – noch halbwegs gerettet werden.

Auf jeden Fall wird es eine Fahrt ins Ungewisse. Und man darf gespannt sein, ob das Peloton am 20. September überhaupt den Arc de Triomphe in Paris erreichen wird.

Armin.Gibis@ovb.net

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