Bruneck – Nur das Begrüßungsbanner des Teamhotels Majestic meinte es nicht gut mit Andrea Trinchieri. Zweimal schubste der Wind den Ständer mit dem von den Mitarbeitern signierten Plakat neben dem Trainer der Basketballer des FC Bayern auf den Tisch. Trinchieri nahm es mit gespielter Empörung. Der 52-Jährige hat andere Probleme in diesen Tagen in Bruneck.
Er muss aus dem neu zusammengewürfelten Bayern-Kader eine funktionierende Basketballmannschaft bauen. Knapp einen Monat hat er dafür noch Zeit. Wenn die Pandemie die Dinge zulässt, hat man am 2. Oktober gleich den Euroleague-Auftakt gegen das aufgerüstete Olimpia Mailand vor der Brust. Der Weg wird kein leichter sein, das hat Trinchieri schon festgestellt. Weil Corona auch individuelle Pläne durcheinanderwirbelte, ist der Fitnesszustand der Profis sehr unterschiedlich. „So extrem“, sagt der Neu-Coach am Rande des Trainingslagers in Südtirol, „hätte ich es mir nicht vorgestellt.“
Doch er wird es hinkriegen, davon ist nicht zuletzt sein Chef Marko Pesic überzeugt. Den Basketball-Geschäftsführer begeistert die Detailversessenheit des Trainers, die Neu-Center Jalen Reynolds so beschrieb: „Er würde uns sogar zeigen, wie man die Servietten fürs Abendessen richtig faltet.“ Pesic berichtet, Trinchieri habe dieser Tage sogar dem Hotelkoch erklärt, „wie man Pasta Carbonara richtig macht“. Nicht mit Sahne, sondern mit Ei.
Doch wahrscheinlich ist es genau das, was die Bayern in diesen Tagen brauchen. Das Virus hat schließlich auch der Kasse des Ex-Meisters empfindlich geschadet. Konservativ kalkuliert sind den Bayern alleine in der alten Saison rund zwei Millionen Euro Umsatz aus dem Ticketing durch die Lappen gegangen. 5,5 bis sechs Millionen macht der Kartenverkauf üblicherweise aus. Würde man die Hälfte davon 2020/21 erreichen, so deutete Pesic an, dann wäre man auch in dieser Spielzeit mit einem blauen Auge davongekommen. Dass nebenbei auch der Sponsordeal mit Wirecard abhandenkam, fällt da schon kaum noch ins Gewicht. Offiziell hat der im Herbst 2019 geschlossene Deal Bestand. Was mit dem Vertrag passiert, ist auch den Bayern selbst noch immer nicht klar: „Wir warten ab“, sagte Pesic.
Und das um etwa die erwähnten 5,5 bis sechs Millionen Euro kleinere Budget hat sich natürlich auf die Kaderplanung ausgewirkt. Die Bayern leisteten sich keine Königstransfers à la Greg Monroe. Sie holten sich Spieler aus der zweiten Reihe an Bord. Profis, die in ihren Karrieren schon an höheren Zielen in NBA oder Euroleague kratzten, aber meist eben auch nicht mehr. Eine Mischung aus Jugend wie Wade Baldwin (zuletzt Piräus) oder dem smarten Ex-Ludwigsburger Nick Weiler-Babb und aus erfahrenen Kämpfern wie Malcolm Thomas (Fenerbahce), Defensivstärke, Athletik, Vielseitigkeit – das waren die Kriterien, die Trinchieri für die Rekrutierung anlegte.
Das ist eine deutlich andere Idee, als man sie in den vergangenen Spielzeiten verfolgte. Und man wird abwarten müssen, wie sich die Dinge in den nächsten Wochen tatsächlich zusammenfügen. Doch die Bayern sind überzeugt, dass es ein Weg ist, mit dem man auch dem ein oder anderen namhafter bestückten Rivalen in der Euroleague ein Bein stellen kann. Marko Pesic jedenfalls vertraut auf das Können seines Trainers. „In den letzten Jahren haben seine Mannschaften seine Ideen mehr oder weniger schnell verstanden“, sagte er, „wenn wir das auch gut hinkriegen, dann bin ich überzeugt, dass wir am Ende mit mindestens einem Titel rausgehen werden.“