Binnen weniger Minuten haben wir am Donnerstagabend zwei Joachim Löws erleben dürfen. Der erste war der gönnerhafte Bundestrainer, der den spanischen Ausgleichstreffer in einer sehr lang geratenen Nachspielzeit hinnahm, ohne sich zu echauffieren – ist ja nur Nations League, und den Spaniern fühlt man sich aufgrund gemeinsamer Geschichte (Titel und Scheitern) verbunden. Der zweite war dann der Wut-Löw, der sich nicht in schwammigen Visionen (wie „Die Erde wehrt sich gegen den Menschen“) verlor, sondern sehr konkret wurde. Er könne nicht verstehen, sagte er, dass die UEFA sich in ihrem Wettbewerb, der Nations League, nicht der Corona-Sonderregel angeschlossen habe, wonach ein Trainer fünf Spielerwechsel vornehmen dürfe. Es sind drei.
Das ist in der Tat nicht akzeptabel, denn kürzlich bei dem von der UEFA verantworteten Finalturnier der Champions League, das einen höheren Stellenwert hat als ein relativ neuer und nachrangiger Wettbewerb für Nationalmannschaften, galt noch, dass das größere Kontingent zur Verfügung steht. Die Idee kam von ganz oben, vom FIFA-Board der Regelhüter, und das muss schon einen wirklich triftigen Grund erkennen, um einen Gesetztestext zu ändern. Der Anlass war: Die Gesundheit der Spieler sollte geschützt werden in einer Zeit mit ungewöhnlichen Herausforderungen durch einen veränderten und strafferen Terminplan.
Etwas befremdlich erscheint es aber, dass Joachim Löw viele Spieler „auf dem Zahnfleisch“ daherkommen sieht. Verstehen könnte man das noch bei Akteuren, die wie die des FC Bayern aus dem Finalturnier der Königsklasse kommen – doch auf sie hat er ja wohlweislich verzichtet. Die meisten anderen hatten fast zwei Monate Wettkampfpause, da sollten die Energiespeicher gefüllt sein – wie zu Beginn einer Saison der Regelfall.
Doch – wie auch im normalen Berufsleben – kann einem schon der Gedanke an die Überstunden der nächsten Zeit müde machen. Der Blick auf den Fußballrahmenterminkalender lässt einen schaudern. 2020/21 hat keine Winterpause, Champions und Europa League, eine EM, eben diese Nations League, Freundschafts-Länderspiele, weil die Verbände Geld benötigen, und ums Eck linsen bereits die nächste WM-Qualifikation und das neue Format einer Club-WM. Diagnose: Zahnfleischentzündung.
Guenter.Klein@ovb.net