München – „Das Radrennen“, sagt Emanuel Buchmann im Hinblick auf das Wochenende, „wird richtig losgehen.“ Das klingt insofern etwas überraschend, als es die erste Woche der 107. Tour de France bereits in sich hatte. Zwei Bergankünfte standen ungewohnt frühzeitig auf dem Programm, dazu hügliges Terrain in den Alpenausläufern und den Cevennen. Doch Buchmann rechnet nun damit, „dass es deutlich schwerer wird“. Schließlich geht es für zwei Etappen in die Pyrenäen. Und da kann es gut sein, dass sich die Spreu vom Weizen trennt. „Das Feld wird sicher ausgedünnt“, sagte Ralph Denk, Teamchef von Bora-hansgrohe. Seine Prognose: „Es wird vorne eine Gruppe von zehn bis 15 Spitzenfahrern übrigbleiben – und Emanuel wird dabei sein.“
Das klingt also nun wieder durchaus optimistisch. Weitaus optimistischer jedenfalls als die Erwartungen zum Tour-Start gewesen waren im Lager des Raublinger Rennstalls. Da war die Stimmung doch noch stark überschattet gewesen von Buchmanns Sturz bei der Dauphiné – und dessen Folgen (Trainingsausfall, anhaltende Schmerzen). „Da war ein großes Fragezeichen“, sagt Denk. Doch sein Kapitän biss sich durch, „Er wurde von Tag zu Tag etwas besser“, berichtet der Teammanager. Gerade mal 19 Sekunden verlor der Ravensburger bisher auf den slowenischen Tour-Favoriten Primiz Logic. „Wenn mir das jemand vor der Tour gesagt hätte, hätte ich das sofort unterschrieben“, meint Denk.
Inzwischen ist er sogar guter Hoffnung, dass Buchmann sich auch in den Pyrenäen nicht wird abhängen lassen. Zum einen, weil sein Frontmann sich immer mehr der Topform annähert. Zum anderen, weil das Streckenprofil in den Pyrenäen nicht allzu furchterregend ist. „Es gibt keine Bergankünfte“, betont Denk. Auf beiden Etappen geht es vor dem Ziel länger bergab. Große Attacken sind da nicht zu erwarten, die Favoriten werden sich wohl eher in einer größeren Spitzengruppe sammeln – so Denks Prognose.
Im Aufwärtstrend präsentierte sich zuletzt auch Max Schachmann, dem im Hochgebirge die Rolle des Edelhelfers zugedacht ist. Der 26-Jährige hatte sich ja mit einem relativ frischen Schlüsselbeinbruch auf die 3500 Kilometer lange Strecke gewagt. „Jeder, der mal solch eine Verletzung hatte, weiß, wie weh das tut“, belobigte Denk die Leidensfähigkeit des Berliners. Und so richtig topfit ist Schachmann immer noch nicht. Denk: „Sein Problem ist: Er sitzt etwas verspannt auf dem Rad und hat deswegen muskuläre Probleme.“ Dennoch war er in der Lage, bei der Bergankunft am Donnerstag seinem Kapitän bis ins Ziel wertvolle Hilfsdienste zu leisten.
Anders liegt der Fall bei Lennard Kämna, der noch bei der Dauphiné eine Bergetappe gewonnen hatte und als Hochbegabter im steilen Gelände gilt. „Er hat es fertiggebracht, auf den ersten beiden Etappen dreimal zu stürzen“, sagt Denk. Die Folgen beschreibt der 23-jährige Kämna so: „Ich kann überhaupt nicht die Leistung abrufen, wie ich es gerne würde. Ich bin am Daueranschlag, wenn es den Berg hochgeht. Ich bin gar nicht zufrieden, wie es mit mir läuft.“ Wenn Kämna nicht auf dem Rad saß, verbrachte er in der ersten Tour-Woche die meiste Zeit bei Physiotherapeuten und Ostheopathen. „Ich gehe davon aus, dass es besser wird“, sagt er. Auch Denk setzt darauf, dass Kämna sich noch steigert. Gleiches gilt für den ebenfalls angeschlagenen Gregor Mühlbauer und dessen österreichischen Landsmann Felix Großschartner.
Denk setzt jedenfalls darauf, dass sein Team in der dritten Woche wieder fit und bereit ist fürs Finale. „Dann kommt es zum großen Schlagabtausch in den Alpen.“ Und da will das Bora-hansgrohe-Team – allen voran Buchmann – seine wahre Stärke zeigen. ARMIN GIBIS