Vetter nimmt nun die 100 Meter ins Visier

von Redaktion

Für den Speerwerfer scheint nach seinen 97,76 auch die Traummarke erreichbar

Dessau – Die Bedeutung seines phänomenalen Speerwurfes in der Leichtathletik-Geschichte erklärte Johannes Vetter mit einem Beispiel aus dem Fußball. „Das ist, als wenn Nationalspieler Toni Kroos einen Freistoß aus 30 Metern über die Mauer direkt in den Winkel hämmert“, sagte der 27-Jährige von der LG Offenburg nach seinem 97,76 Meter weiten Superwurf im polnischen Chorzow. „Es war ein hoher Grad an Perfektionismus, den man so gut wie nie erreicht.“

Allein Weltrekordler Jan Zelezny aus Tschechien schleuderte den Speer jemals weiter – 1993 in Jena auf 98,48 Meter. „Im ersten Moment dachte ich, mehr als 97 Meter, echt Wahnsinn und danach, schade, knapp am Weltrekord vorbei“, so Vetter. „Und im dritten Moment kam mir der Gedanke, du hast Sportgeschichte geschrieben.“ Um 3,32 Meter steigerte er seinen deutschen Rekord, nur 72 Zentimeter fehlten zum Weltrekord.

Noch viel weiter als Zelezny – nämlich auf 104,80 Meter – hatte 1984 der Potsdamer Uwe Hohn den Speer in Berlin geworfen. Nach diesem Extremwurf wurden die Regeln geändert. Aus Sicherheitsgründen führte der Weltverband mit Wirkung vom 1. April 1986 den noch jetzt genutzten Speer mit verändertem Schwerpunkt ein, der ein schnelleres Absinken des Fluggerätes bewirkt.

Leistungssprünge seien in der technisch hochkomplizierten Sportart von 82 auf 85 oder 85 auf 88 Meter nicht selten, „aber von 94 auf knapp 98 Meter ist das in dieser Dimension enorm“, sagte Vetter. Gelingen konnte das nur, weil in den 300 Millisekunden, die ein Wurf dauert, alle Muskelgruppen wie ein Uhrwerk in Bewegung und Geschwindigkeit übereingestimmt hätten. „Es war nahezu der perfekte Wurf“, sagte der Weltmeister von 2017.

„Wenn es ein offenes Stadion mit ähnlichem Wind wie 1996 bei Zeleznys Rekord gegeben hätte, wäre das Ding mit hoher Wahrscheinlichkeit über 100 Meter gegangen“, sagte Vetter. Für Bundestrainer Boris Obergföll, der auch sein Heimcoach ist, waren schon die 97,76 Meter eine große Überraschung. „Das war mal ein Ansage. Im Augenblick wirft er in seiner eigenen Sphäre.“

Unterdessen dachte Vetter bereits an die auf 2021 verschobenen Sommerspiele in Tokio: „Mein Ziel und mein Traum war Olympia-Gold zu holen. Daran hat sich für mich nichts geändert.“  dpa

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