Beherrscht ein Athlet eine Sportart so herausragend wie Novak Djokovic, geht es nicht mehr nur ums reine Gewinnen oder Verlieren. Akteure in diesen Sphären wollen eine Ära prägen, eine Sportart verändern, mit ihrer Kunst unsterblich werden. Auch Djokovic hat sich diese Ziele schon lange auf die Fahne geschrieben. Nach seinem Ausraster bei den US Open und seiner folgerichtigen Disqualifikation wird jedoch immer klarer: Positiv bleibt der Serbe ausschließlich für sein fantastisches Tennistalent in Erinnerung. Abseits des Platzes wird es immer dunkler um die Nummer 1 der Welt.
Doch nicht der unentschuldbare Abschuss einer Linienrichterin lässt diesen Schluss zu, sondern sein Verhalten in den Stunden danach. Dass er voller Adrenalin auf dem Platz versucht, den Turnierdirektor zu besänftigen – nicht sympathisch, aber im Wettkampfmodus noch irgendwie verständlich wie menschlich.
Doch in den Katakomben muss er zur Ruhe kommen, sich sammeln und dann vor die Öffentlichkeit treten. Aber was macht der Serbe? Er schleicht durch den Hintereingang hinaus, rauscht so schnell wie möglich vom Tatort. Sein Stunden später veröffentlichtes Statement enthält schöne Formulierungen, wenn auch nicht an jeder Stelle. Jedoch ersetzt es in keiner Weise die Entschuldigung an Ort und Stelle. Es fehlt der Blick in seine Augen. Die Aufrichttigkeit seiner Entschuldigung offenbart sich nicht in wohl geschliffenen Sätzen seiner PR-Profis, sondern in Worten, die unmittelbar aus dem Herzen sprechen. Für einen 33-jährigen Möchtegern-Weltsportler ist dieses Verhalten unwürdig. Selbst ohne die Liste seiner Verfehlungen im Jahr 2020 im Hinterkopf.
Sportlich ist Djokovic über alle Zweifel erhaben. Normalerweise überholt er seine großen Rivalen Rafael Nadal (19) und Roger Federer (20) in der Anzahl der Grand-Slam-Titel noch. 17 hat der „Djoker“ bisher errungen, ist aber weniger verletzungsanfällig und jünger als die Konkurrenten.
Wahre Größe zeigt sich allerdings nicht im Moment des Sieges, sondern in der Niederlage. Hier hat ein außergewöhnlicher Sportler auf ganzer Linie versagt.
Daniel.Mueksch@ovb.net