Büdingen – Der moderne Sportstar ist Illusionskünstler. Er verkauft seinen Fans die Vorstellung, ihm nahe zu sein. Diesen Trick hat er seit einigen Jahren dank der sozialen Medien perfektioniert. Instagram, Facebook, Twitter und Co. haben die Gesetze der Selbstdarstellung neu geschrieben. Jedoch sehr einseitig. Mit den sozialen Netzwerken steuert der Athlet selber sein Bild in der Öffentlichkeit. Journalisten sind für ihn in der Eigenvermarktung fast bedeutungslos. An ihre Stelle treten Social-Media-Experten. Experten wie Mario Leo.
Bei der Frage nach seinem Beruf muss Mario Leo kurz überlegen, wie so viele Personen an der Seite der Sportstars. Meist fällt die Wahl zunächst auf „Berater“. Schön schwammig, aber so konkret, dass sich jeder etwas darunter vorstellen kann. Mario Leo ist auch so ein Berater. Seine Arbeitswelt jedoch ausschließlich digital. Leo entscheidet sich daher lieber für die Berufsbezeichnung „Digital-Stratege“.
Zu seinen Kunden gehören Verbände wie die UEFA. Ligen wie Die Deutsche Eishockey – oder die türkische Basketball-Liga. Borussia Dortmund, Juventus Turin, Manchester City vertrauen ebenfalls auf ihn. Allerdings auch Einzelsportler wie Henrikh Mkhitaryan vom AS Rom, früher Arsenal London und Borussia Dortmund. Auch Nicht-Fußballer wie der Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft, Uwe Gensheimer. Leo hat Büros in der Türkei (zehn Mitarbeiter) uVnd Südafrika (vier Mitarbeiter).
Dabei stand der Mann der Klicks selber lange auf dem Rasen. Mit einer Profi-Karriere vor den Augen. Lange sieht es aus, als ginge diese Kindheitsfantasie tatsächlich in Erfüllung. Der in Büdingen, 50 Kilometer von Frankfurt, geborene Leo durchläuft erfolgreich die Jugendmannschaften von Kickers Offenbach. Schafft es in den Profikader. In seinem zweiten Profieinsatz reißt ihm allerdings das Kreuzband. Ein Jahr kämpft der Mittelfeldspieler fürs Comeback. Doch das Knie ist nicht mehr bereit für dauerhaften Profisport. Der Traum von Pokalen und Triumphen? Geplatzt.
Viele junge Sportler zerbrechen an so einem Schicksal. Leo nicht. Er hält sich nicht lange mit negativen Gedanken auf, sondern erfindet sich neu. „Ich denke nicht in Problemen, sondern in Lösungen“, lautet eine seiner Lebenseinstellungen. Er wird zum Globetrotter. Im Auftrag der Technik.
1992 geht er nach England. Lebt dort fünf Jahre. Über die USA kommt er nach Australien. Von 2000 bis 2004 schlägt er seine Zelte in Malaysia auf. Überall arbeitet er in der Telekommunikation, konzeptioniert Satellitennetzwerke. Sein ständiger Begleiter bei seinen Abenteuern in der Ferne: die Leidenschaft für den Sport. „In Malaysia war ich wahrscheinlich der einzige Eishockey News-Abonnent“, erinnert sich der Technik-Experte an heiße Tage in Südostasien kurz nach der Jahrtausendwende. „Die Spiele habe ich per Internet verfolgt und mich dann eine Woche später gefreut, wenn die Zeitschrift im Briefkasten lag und ich lesen konnte, was die Journalisten über das Spiel geschrieben haben.“
In Asien erlebt er den Mobilfunk-Boom hautnah. Leo entwickelt Business-Modelle und überlegt wie europäische Vereine von dem Trend profitieren können. Seine Idee: Prepaid-Karten für eine Community. Borussia Dortmund springt auf seine Idee an. Der Club feiert 2009 hundertjähriges Bestehen, will den Fans etwas Neues bieten. Das BVB-Fan-Fon wird gemeinsam mit dem Asien-Rückkehrer geboren. Neben normalen Telefonaten kann der schwarz-gelbe Anhänger die Spiele seiner Borussia im Audiostream verfolgen. Dazu noch Extras – wie etwa die gesprochene Mailbox-Ansage von Stadionsprecher und BVB-Legende Norbert Dickel höchstpersönlich.
Seine Firma führt Leo von Büdingen aus, seinem Heimatort in Hessen. Hier, in der Mitte Deutschlands, kann er seine Kunden bequem anfahren. Auch wenn er auf seinen Reisen durch die Republik immer wieder verzweifelt. „Die Netzabdeckung in Deutschland ist wirklich katastrophal. Wenn ich im Zug sitze, bricht die Verbindung in einem Telefonat dreimal weg. Zu Hause bewege ich mich zehn Meter und das WLan springt weg. So kann man kaum arbeiten und das kenne ich aus anderen Ländern anders. Die deutsche Politik erkennt immer noch nicht, was das für ein großer Standortnachteil ist.“
In den letzten Jahren ist die Welt der Smartphones, PC und Tablets zur lukrativen Einnahmequelle geworden. Listen mit den Erlösen der Superstars durch einen einzigen Post erregen Aufsehen. Dort steht Cristiano Ronaldo an der Spitze. Mit über 235 Millionen Abonnenten auf Instagram verdient der Portugiese angeblich eine Million Euro pro Post. Ein unvorstellbarer Betrag für ein paar Klicks.
Doch Leo kann sie bestätigen: „Bei Cristiano Ronaldo bewegen sich diese Zahlen in diesen Listen nahe an der der Realität.“ Über hundert Millionen Follower und die Kasse klingelt mit jedem eigenen Beitrag – funktioniert so die Rechnung á la Ronaldo? Der Experte klärt auf: „Ganz so einfach ist es nicht. Es kommt weniger auf die Follower an. Mehr auf die Reaktion zu einem Post. Wie viele Likes erhält man? Wie oft wird kommentiert? Und die wertvollste Währung: Wie oft wird der Beitrag geteilt? Aus dieser Rechnung und dem klassischen Tausender Kontaktpreis der Werbeindustrie ergibt sich der Ertrag eines einzelnen Posts. Bei einem Ronaldo kann das eine Million Euro sein. Bei ihm kommt allerdings wirklich alles zusammen. Er stellt die absolute Ausnahme dar.“
Noch ist der Verdienst im Sportlichen höher als auf den Plattformen im Netz. Dennoch sind die Social-Media-Rechte in Transferüberlegungen heutzutage ein wichtiger Faktor. Bei dem Mega-Transfer von eben jenem Cristiano Ronaldo von Real Madrid zu Juventus Turin sitzt Mario Leo mit am Tisch. Er kalkuliert für Juventus, wie viele Follower von Madrid mit Ronaldo nach Turin virtuell ziehen würden. Entwickelt Strategien, damit aus Ronaldo-Fans auch Fans des italienischen Rekordmeisters werden. Die Zahlen sind so beeindruckend, dass sich eine auf den ersten Blick astronomisch hoch erscheinende Ablösesumme schneller amortisiert als die Meisten es für möglich halten.
Auch für deutsche Starkicker entsteht so ein viel versprechender Markt. Wie das Beispiel Timo Werner zeigt. Als Spieler von RB Leipzig steht seine Follower-Zahl im November 2019 bei 523 000 Fans. Ein halbes Jahr später als Toptransfer des FC Chelsea bei 1,4 Millionen. Eine Steigerung von 178 Prozent – und völlig neue Verdienstmöglichkeiten für den Nationalspieler.
In den letzten Jahren haben sich die einzelne Plattformen in ihrer Bedeutung drastisch verschoben. Lange war Facebook der Platzhirsch, Inbegriff der digitalen Revolution. Heute erhalten Jugendliche auf Facebook Freundschaftsanfragen von Oma und Opa. Facebook ist uncool geworden. Leo würde es derart radikal nie sagen. Dafür ist er zu höflich. Er formuliert es diplomatischer: „Für uns ist Facebook ein Highlight-Kanal. Dort posten wir nicht zu viel. Sondern sehr gezielt. Viele Postings und wenig Interaktionen bringen bei Facebook die Gefahr im Algorithmus nach hinten gesetzt zu werden.“
Die Facebook-Tochter Instagram bezeichnet er und seine Mitstreiter als „Unterhaltungskanal“. 15 bis 35 Jahre, so wird die Zielgruppe bei Instagram gesehen. Und für die muss es knallen. Kurze Videos aus der Kabine. Exklusive Einblicke in die Villen der Stars. Urlaubsschnappschüsse. Der Instagram-Fan giert nach Bespaßung. Nicht jeden Tag. Aber drei, vier Beiträge in der Woche sollten es schon sein, rät der Experte.
Seit neuestem setzten Profis die Macht von Social Media auch als Waffe ein. So ist Unternehmer Leo sicher, dass der Facebook-Live-Skandal von Ex-Hertha-Profi Salomon Kalou kein Zufall war. Sondern von ihm und seinen Beratern bewusst inszeniert. Rückblick: Kurz vor dem Restart der Bundesliga in der Corona-Krise stolziert der Ivorer durch die Katakomben des Hauptstadt-Clubs und filmt seinen Rundgang live für Facebook. Zu sehen sind abklatschende Spieler, Corona-Tests ohne Mindestabstand und Mitspieler, die sich über Gehaltsabzüge beschweren. Kalou wird suspendiert. Da sein Vertrag jedoch ausläuft, ist sein Schaden überschaubar. Im Gegensatz zum Image-Schaden für Hertha und die gesamte Bundesliga. „Wenn das nicht geplant war, würde mich das ungemein überraschen.“ Was sich Spieler von solchen Aktionen erhoffen? „Im Fall Kalou erst einmal Hertha BSC eins auszuwischen. Aber auch Aufmerksamkeit. In Deutschland ist er nach einem solchen Eklat natürlich verbrannt. Aber im Rest der Welt bekommt man die Details nur am Rande mit und hört wenigstens den Namen Salomon Kalou mal wieder.“ Wenige Wochen nach dieser Einschätzung von Mario Leo unterschreibt Salomon Kalou einen Vertrag bei Botafogo in Brasilien.
Wenn Leo solche Nachrichten liest, schlendert er wenig später zufrieden über das idyllische Familienanwesen. Sein Strategen-Gen hat mal wieder zugeschlagen. Zwei Häuser stehen auf seinem Grundstück. Eins ist die Zentrale von „RESULT Sports“. Das andere, direkt daneben, dem Familienleben vorbehalten. Was die Pendlerpauschale schmälert, nach einem 16-Stunden-Tag den Heimweg allerdings erträglich gestaltet Der Beruf ist jedoch selbst hier präsent. Das bleibt bei einem achtjährigen Sohn und einer fünfzehnjährigen Tochter nicht aus. Hier hat der Familienvater klare Regeln. Keine Handys beim Essen am Tisch. Am liebsten würde er noch zwei handyfreie Tage durchsetzen. „Ich muss zugeben, da gibt es schon mal Ausnahmen. Trotzdem sehe ich die permanente Verfügbarkeit von Unterhaltung durch das Handy skeptisch. Kinder verlieren die Fähigkeit, aus Langeweile kreativ zu sein. Da haben wir schon ein Auge drauf“, sagt der Familienvater, dessen Frau aus Vietnam stammt.
Gegenüber den meisten anderen Eltern hat das Paar einen großen Vorteil. Papa weiß genau, welche Gefahren für die Kinder auf den digitalen Spielplätzen lauern. Ihn bringt so schnell nichts aus der Fassung. Das schafft nur der WLan-Empfang in der hessischen Provinz ab und an. Oder Funklöcher auf den Strecken der Deutschen Bahn. ENDE