Sevilla – Jupp Heynckes wusste es 2018 schon: Kurz nach der Ziehung des Champions-League-Viertelfinals, als viele Bayern-Fans über das vermeintlich leichte Los FC Sevilla jubelten, meinte der nach wie vor sehr geschätzte Trainer: „Ich teile die Euphorie nicht. Sevilla ist ein schweres Los.“ Hernach ging es in der andalusischen Hauptstadt 2:1 für Bayern aus, in der Allianz Arena nur 0:0. Vor allem Uli Hoeneß, der sich später Juan Bernat für seinen Auftritt im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán zur Brust nahm, dürfte der sechsmalige Europa-League-Sieger noch in Erinnerung sein.
Dabei hat das Sevilla von damals nichts mit dem Sevilla von heute zu tun. Das Team ist besser. Viel besser. Wenn ein Clubmotto eine Mannschaft in seiner Essenz beschreibt, dann ist es das der Mannschaft aus dem sevillanischen Stadtbezirk Nervión. Es lautet: Man erzählt sich, dass sie niemals aufgeben. Und wer in diesem Sommer die Endphase der Europa League verfolgt hat, der weiß, dass das stimmt.
Europa ist mittlerweile zum Habitat der Sevillistas geworden. Nicht einmal Clubs wie Manchester United oder Inter Mailand im Finale (die beide in Führung lagen) konnten verhindern, dass die Schützlinge von Julen Lopetegui mit Hilfe ihres unbändigen Willens zum sechsten Mal den Pokal in den Nachthimmel reckten. Große Namen? Sind im Süden Spaniens nicht vorhanden. Hier werden die großen Namen von morgen gemacht.
Nimmt man beispielsweise die Hintermannschaft: Dort bilden Diego Carlos und Jules Koundé die Innenverteidigung. Beide wurden von Sportdirektor Monchi 2019 als unbekannte Hoffnungsträger geholt, für Letzteren ist ManCity nun sogar bereit, knapp 70 Millionen Euro auf den Tisch zu legen. Auf der defensiven Mittelfeldposition vor ihm ist Fernando Reges am Werk. Der 33-Jährige hat bereits für Porto, City und Galatasaray gespielt, den Sprung in die Elite hat er jedoch erst gemacht, als Monchi vergangenes Jahr auf ihn setzte.
Was fehlt, ist das Herzstück des Sevilla-Spiels. Éver Banega, Dreh- und Angelpunkt im Zentrum der Andalusier, hat dem Verein nach dem jüngsten Erfolg den Rücken gekehrt, was im Vorfeld der Partie gegen die Bayern ein großes Fragezeichen aufwirft. Die Finesse des Argentiniers war der Schlüssel im Mittelfeld, wo ab sofort wieder Ivan Rakitic und (das nächste) Monchi-Projekt Óscar Rodríguez das Sagen haben. Denker und Lenker soll nun natürlich Rückkehrer Rakitic sein, der Kroate ist mit Blick auf seine Spielveranlagung jedoch ein komplett anderer Spieler als Techniker und Genie Banega. Eine neue Zeitrechung bricht an. Wie eigentlich jedes Jahr in Sevilla.
Nicht im Kader: Ein Knipser in der Art von Robert Lewandowski. Bester Torschütze in der vergangenen Saison war Marseille-Neuzugang Lucas Ocampos (17 Treffer), eigentlich im offensiven Mittelfeld beheimatet. Da Lopetegui in den jüngsten Testspielen eine Dreierkette auflaufen ließ, könnte sich der talentierteste Spieler Sevillas gegen die Bayern auf der linken Außenbahn wiederfinden. Für die Tore soll der Ex-Gladbacher Luuk de Jong sorgen. Priorität hat gegen Bayern jedoch die Abwehr. Sie war der Schlüssel für den Titel. Und ist mit Sicherheit auch in der Lage, Lewandowski Einhalt zu gebieten.