3:3 – ein Abend der Gegensätze

von Redaktion

DFB-Elf zeigt gegen die Schweiz gute Seiten, offenbart aber auch Abgründe

VON GÜNTER KLEIN

München/Köln – Es war nur ein Spiel der Nations League, die keiner liebt, und der Betrieb wartet schon mit den nächsten Aufgaben: morgen DFB-Pokal, am Wochenende Bundesliga. Aber dieses Match wird nachklingen: 3:3 (1:2) gegen die Schweiz. Einerseits: Sehenswerte deutsche Treffer durch Timo Werner, Kai Havertz und Serge Gnabry. Jedoch auch: eine der indiskutabelsten Leistungen am anderen Ende des Feldes.

Zentrales Thema war ja: Würde Joachim Löw auf dem Experiment Dreierkette beharren oder die Abwehr wieder traditionell als Vierer-Formation auf den Platz stellen? Löw sagte, er wolle „einen schnelleren Aufbau als in der Ukraine“ und „mehr Dynamik“, und so kehrte er zum 4-2-3-1 zurück. Nur: Stabiler wurde die deutsche Elf dadurch nicht. Sie bot eine Anfangsphase von geschichts-trächtiger Zerfahrenheit, sie fügte sich in das gespenstische Ambiente einer zuschauerlosen Kölner Arena ein. Die Woche davor beim Test gegen die Türkei war mit 300 zugelassenen Fans im Vergleich ausgelassenster Karneval gewesen.

Die Defensiv-Merkwürdigkeiten im Schnelldurchlauf: In der 4. Minute lässt sich Linksverteidiger Gosens überspielen, der Ball kommt zum in der Mitte freistehenden Ex-Bayern Shaqiri – Tormann Neuer bereinigt diese Szene noch. Die nächste dann nicht mehr. Nach Schweizer Ecke köpft Freuler in den Strafraum, die deutschen Verteidiger rücken alle raus, Gavranovic setzt – ebenfalls per Kopf – den Ball über Neuer. Der murkst dann in der 15. Minute, als er Gavranovic mit seinem versuchten Aufbaupass anschießt und die Schweiz in Ballbesitz bringt; das muss er korrigieren, gelingt ihm. Die Schweizer sind zwar meist in der eigenen Hälfte, aber sie beherrschen ihr Umschaltspiel. Was zum 0:2 (26.) führt. Eingeleitet durch einen Ballverlust von Jubilar Toni Kroos in seinem Sondertrikot. Konter: Seferovic, Freuler – und ein sauberer Lupfer über Manuel Neuer, dessen Blick sich nicht richtig zwischen Betretenheit und Empörung entscheiden kann. Joachim Löw wirkt faltig.

Leichte Entspannung, als seine Elf drei Minuten später endlich mal selbst ins Tempo kommt. Abschlag Neuer, Havertz erkämpft den Ball, Timo Werner, der zuvor schon einige Male gezuckt hat, erzielt mit feiner Einzelleistung und präzisem Flachschuss das 1:2 (29.). Zumindest ins Angriffsspiel kommt Sicherheit. Gosens zwingt mit einem Kunstschuss den aus Mönchengladbach bekannten Schweizer Torhüter Yann Sommer zu einer willkommenen Flugparade (39.).

Am offensiven Potenzial der deutschen Mannschaft kein Zweifel. Da ist das Juwel Kai Havertz. Nach der Pause fiel er zuerst mit einem Pfostentreffer auf, dann mit dem Ausgleich zum 2:2 (58.) – schön ins lange Eck. Gar zauberhaft war, was Serge Gnabry nach genau einer Stunde veranstaltete: Per Hackendirektabnahme ins Schweizer Tor, Timo Werner war rechts durchgestartet und hatte zu ihm gepasst. Aber es war halt wieder eine Aktion, mit der repariert werden musste, was hinten missglückt war. Hühnerhaufenartig hatte man durch Gavranovic das 2:3 hinnehmen müssen (57.). Neuer brachte auch keine Ordnung mehr rein in das Ensemble seiner Vorderleute, am Ende rauschte der Schuss über seine Fäuste.

Löws Team versuchte, auf das 4:3 zu gehen, um sich die Chance zu wahren, die Nations-League-Gruppe doch noch zu gewinnen. Kroos’ Freistoß strich am Winkel vorbei (70.), der eingewechselte Draxler ballerte ans Außennetz (82.). Zugleich aber auch war es angesagt, bei Schweizer Gegenstößen die Luft anzuhalten. Doch nun wurde auch von den Offensivkräften auffällig mitgearbeitet. Denn mit einer Länderspielblamage will man halt nicht in die Bundes- oder die anderen Ligen zurückkehren.

Fazit: In der Dreier-Reihe, die die deutsche Mannschaft binnen einer Woche zu absolvieren hatte, war die Schweiz der anspruchsvollste Gegner, der den Deutschen aufzeigte, dass sie bei der Europameisterschaft 2021, auf die der Blick sich jetzt schon richtet, keiner der großen Favoriten sein werden.

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