München – Es ist tatsächlich passiert. Der FC Bayern hat ein Spiel gewonnen, sogar in sehr beeindruckender Manier, Thomas Müller stand auf dem Platz – und trotzdem fiel weder das Wort „Nationalmannschaft“ noch wurde über die „EURO“ gesprochen. Einen ähnlichen Fall hat es gefühlt seit Wochen, ach was!, Monaten nicht gegeben. Immerhin ein Abend, an dem Joachim Löw entspannt ins Bett gehen konnte.
Das 4:0 gegen Atletico Madrid war nicht unbedingt ein Spiel, das Müller im Saisonrückblick als absolutes persönliches Highlight aufzählen wird. Da gibt es andere, in denen er als mehrfacher Vorbereiter oder Torschütze glänzt, echte Thomas-Müller-Spiele. Allerdings war der Auftritt gegen die Spanier doch einer, der diesen Ex-Nationalspieler im fortgeschrittenen Fußballer-Alter definieren konnte. Nicht umsonst sagte Hansi Flick nach Abpfiff: „Thomas Müller coacht die Mannschaft. Ich bin sehr zufrieden – und wenn man es so will, ist er der verlängerte Arm des Trainers auf dem Feld.“ Mehr Lob geht kaum.
Der Bayern-Coach ist als Verfechter einer festen Achse bekannt, die in seinem Team von Manuel Neuer über David Alaba und Joshua Kimmich zu eben Müller und Robert Lewandowski reicht. Und dennoch sticht Müller unter all diesen Weltklasse-Kickern derzeit noch einmal heraus. Am Mittwoch etwa durfte er nicht mal zentral agieren, also dort, wo er sich am wohlsten fühlt und auch am wertvollsten ist. Von der eher ungeliebten Position auf dem rechten Flügel aber lenkte er dennoch das Offensivspiel. „Er weiß, wo er stehen muss, er ist im Mittelpunkt unseres Spiels wichtig“, sagte Flick und führte aus: „Er pusht die Gegenspieler und ist immer anspielbar.“ Eine Wunderwaffe, als Raumdeuter wie Wortführer.
Die bezeichnendste Szene ereignete sich gegen Atletico nach 20 Minuten. Zurecht schimpfte Müller da über seine Gelbe Karte, allerdings mit einer Wortwahl, die ein kollektives Lachen in der nahezu leeren Arena auslöste. Die Sätze, die nachhallten, lauteten: „Was ist hier los? Ey! Das kann doch nicht wahr sein, wir spielen gegen Atlético Madrid, die größten Rabauken im Weltfußball! Und ich krieg für so was Gelb!“ Er hatte vollkommen Recht. Aber keiner lamentiert halt so charmant wie er, der Tausendsassa. Oder, Herr Löw? hlr