„Es geht ums Überleben“

von Redaktion

Chef des Forums Club-Handball Butzeck über die Bedrohung der Sportart durch die Pandemie

München – Er ist der Chef des Forums Club-Handball, der Interessensvertretung der europäischen Topclubs. Und damit ist Gerd Butzeck so etwas wie der starke Mann der Europapokal-Wettbewerbe. Womit der 61-Jährige, der in seiner Karriere unter anderem Manager des TSV Milbertshofen war, derzeit einer der ersten Krisenmanager der Ballwerfer ist. Im Interview spricht er über die Probleme in Zeiten von Corona.

In Europa schießen die Infektionszahlen wieder in die Höhe. Auch die europäischen Handball-Wettbewerbe waren schon betroffen. Und das in einer Saison, in der die Spielpläne wenig Spielraum zulassen. Wie groß ist Ihr Glaube an ein gutes Ende?

Es wäre naiv zu glauben, dass uns das Problem nicht treffen wird. Letztlich bleibt uns nichts anderes übrig als zu spielen. Und wenn ein Spiel nicht gespielt werden kann, dann lässt man es eben erst einmal weg. Am Ende gibt es dann ja verschiedene Möglichkeiten. Clubs, die sich auf ein Spiel einigen oder zwei Spiele kurz hintereinander. Oder man bestreitet am Ende der Saison Turniere in einer Bubble, in denen man die ausgefallenen Spiele nachholt. Klar ist: Nicht zu spielen, ist keine Lösung.

Ist eine Saison ohne Zuschauer im Vergleich also besser als keine Saison?

Auf Dauer sind Spiele ohne oder auch nur mit wenigen Zuschauern natürlich nicht durchzuhalten. Weil ein Großteil der Einnahmen fehlt. Auch wenn es natürlich Unterschiede im Grad der Betroffenheit gibt. Nach meinen Beobachtungen ist das Problem größer, je größer der Club ist. Genauso wie es auch regionale Unterschiede gibt. In der Bundesliga etwa, machen die Zuschauer 40 bis 50 Prozent der Budgets aus. In Ländern wie Deutschland oder Dänemark ist das Leid deshalb natürlich größer als etwa in Mazedonien oder Spanien. Aber es geht auch um den Sport insgesamt. Der Handball hat sich in den letzten Jahren toll entwickelt. Auf europäischer Ebene haben sich alleine die Fernseheinnahmen verdrei- bis -vierfacht. Wir können unser Geschäft nicht für ein Jahr zusperren. Wir tun alles dafür, um einen möglichst geregelten Betrieb zu ermöglichen.

Welchen Einfluss können Sie nehmen?

Zum Beispiel wurde für die Champions League ein Charterflugprogramm aufgelegt – 80 bis 90 Prozent der Spiele können mit Chartern bestritten werden. Was den Clubs ein hohes Maß an Flexibilität gibt. Wir unterstützen das mit Geldern, die wir in den letzten Jahren erwirtschaftet haben. Aber das ist natürlich nur ein Baustein. Bald kommt die erste Nationalmannschaftswoche – die bereitet mir ziemlich Kopfzerbrechen.

Weil die Spieler individuell in Risikogebiete reisen?

Ja, da müssen die Verbände sicherstellen, dass diese Spieler nach ihrer Rückkehr nicht für zwei Wochen in Quarantäne müssen. Die 48-Stunden-Regel würde da sehr helfen. Aber die Länder sind insgesamt sehr verschieden. Norwegen ist extrem streng. Oder Ungarn hat eine sehr ungewöhnliche Regelung. Wenn dort ein Spieler positiv getestet wird und Symptome hat, dann muss er nicht nur zwei Wochen in Quarantäne, weitere vier Wochen darf er nicht trainieren. Es gibt da den Fall eines Spielers aus Szeged, der in den sozialen Medien gepostet hat: „Ja, ich bin positiv und mir geht es nicht gut.“

Er ist sechs Wochen aus dem Rennen…

Genau. So etwas führt natürlich dazu, dass keiner mehr zugibt, dass er Symptome hat. Von den nicht seltenen falschen positiven Tests will ich gar nicht reden.

Würden Sie sich eine liberalere Herangehensweise wünschen?

Ganz klar, ja. Ein Beispiel: Ich war vor kurzem bei einem Meeting in Wien. Danach wollte ich mir ein Champions-League-Spiel in Kiel anschauen. Ich habe die Karte mit einem Fragebogen bekommen. Frage neun lautete: „Waren Sie in den letzten 14 Tagen in einem Risikogebiet?“ Auch wenn ich in Wien getestet wurde, habe ich die Frage wahrheitsgemäß mit „ja“ beantwortet. Die Regelung ist: Wenn auch nur eine Antwort ja lautet, dann gibt es keinen Zutritt. Ob das dem Risiko angemessen ist, darüber kann man streiten. Man muss auch die Konsequenzen sehen.

Der Sport ist bedroht.

Daniel Hopp in Mannheim hat es ja gesagt. Schon die 20 Prozent Zuschauer, die in der Testphase in Deutschland zugelassen sind, sind zu wenig, um auch nur die Hallenkosten zu decken. Und selbst wenn man die Hallen sofort wieder öffnen würde – wer sagt denn, dass die Leute dann wirklich wieder kommen? Viele der Zuschauer über 60 werden sich das zweimal überlegen und sagen: Ich gehöre zu einer Risikogruppe, ich bleibe lieber zuhause. Wie soll ein Club das auffangen, wenn er keine Möglichkeit hat, Geld zu verdienen. Gar keine Frage: In diesem Jahr ist der Ausgang der Saison zweitrangig. Da geht es ums Überleben.

Sie haben gesagt, die großen Clubs leiden stärker. Wird sich die Szene verändern? Werden zum Beispiel Mäzenatenvereine die Spitze übernehmen?

Das ist natürlich ganz schwer vorherzusagen. Aber Mäzene müssen ja auch irgendwie ihr Geld verdienen. Kielce etwa (Polen, Anm. der Redaktion) wird im Wesentlichen von einem Unternehmer gesteuert. Aber dessen Unternehmen ist genauso von Corona betroffen wie ja die große Mehrzahl unter Corona zu leiden hat. Ich glaube, jeder wird seine Probleme haben.

Interview: Patrick Reichelt

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