Beckenbauer: Gerd war unser Wichtigster

von Redaktion

Erinnerungen zum 75. Geburtstag: Sogar im Training konnte man Müller nicht aufhalten

München – Erst vor knapp zwei Monaten, am 11. September, wurde der 75. Geburtstag von Franz Beckenbauer gefeiert, und obwohl sich wegen der weiter unaufgeklärten Affäre rund um die Weltmeisterschaft 2006 kritische Töne in die Reportagen schlichen, wurde doch klar: Einen größeren Fußballer als Beckenbauer hat es in Deutschland nicht gegeben. Und die Geschichte der Münchner Vereine und der Bundesliga wären anders gelaufen, hätte Beckenbauer sich für den TSV 1860 entschieden – was er wegen einer Watschn durch einen Jung-Löwen in einem Nachwuchsspiel mit dem SC 1906 nicht tat. Beckenbauer wurde zum strahlenden Stern des FC Bayern.

Doch er würde die Rolle, die herausragende Figur im Bayern-Kosmos gewesen zu sein, nicht für sich beanspruchen. Auf der Homepage des FC Bayern erklärt er Gerd Müller zum „Most Valuable Player“ (MVP), eine Anlehnung an Kategorien im US-Sport, in dem sie beide auch tätig waren auf ihre alten Spielertage, Beckenbauer in New York, Müller in Fort Lauderdale. „Gerd Müller ist der Ursprung, In meinen Agen ist er der wichtigste Spieler in der Geschichte des FC Bayern. Der wertvollste Spieler.“ Paul Breitner bekräftigte das in einer Gerd-Müller-Reportage de Bayerischen Fernsehens: „Was ich bin, bin ich durch den Gerd geworden.“

„Fußball hat sehr viel mit Toren zu tun. Ohne Tore kannst du noch so gut spielen, du gewinnst aber nicht“, erläutert Beckenbauer. Tore waren die Währung von Gerd Müller, in allen Wettbewerben. Und, wie Beckenbauer sich erinnert (mit leicht gespielter Wut), sogar im Training. „Da waren wir manchmal richtig sauer auf ihn. Was er mit uns veranstaltet hat, war im Grunde eine Frechheit – fanden wir. Da haben manchmal Katsche Schwarzenbeck und ich uns gesagt, heute ist es uns wurscht, heute hauen wir ihm zur Not auch mal auf die Socken. Und trotzdem haben wir ihn nie erwischt: Er lief immer wieder allein aufs Tor zu. Wenn ich Gerd nicht hautnah jeden Tag erlebt hätte, würde ich es selbst nicht glauben.“ Über diese phänomenale Gabe werde man noch „in hundert Jahren sprechen“.

Müller schoss Tore mit allen Körperteilen, auch im Sitzen, er konnte eine Aktion auch korrigieren – wie bei seinem 2:1-Siegtor im WM-Finale 1974 gegen die Niederlande. „Da habe ich den Ball schlecht gestoppt, aber schnell reagiert. Und die drei Holländer um mich rum haben einen Fehler gemacht“, blickte er zurück auf den wichtigsten Treffer seiner Karriere, der eben auch ein so typischer gewesen war. Zu seinem 60. Geburtstag meinte er, im modernen Fußball mit Raum- statt Manndeckung wäre er noch besser zur Geltung gekommen: „Da hätte ich 80 Tore pro Saison geschossen.“

Hypothese. Fakt ist die mentale Stärke von Müller. Auch an sie erinnert der Freund ehemalige Zimmergefährte Beckenbauer: „Wenn wir alle mal vor einem Spiel Bedenken hatten, hat Gerd davon nichts wissen wollen. Da sagte er dann immer in seinem Dialekt: ,Ach hört’s auf, die schlagen wir, ganz einfach!‘ Gerd hat mir die Leichtigkeit gegeben, die ich brauchte.“ GÜNTER KLEIN

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