Fluchtversuche, Stasi-Knast, Eishockey

von Redaktion

Das bewegte Leben von Thomas Popiesch, der in den Trainerstab des DEB-Teams rückt

VON GÜNTER KLEIN

München – Ein bisschen hatte Thomas Popiesch dann endlich zu tun in letzter Zeit. Mit reichlich Verspätung nahm sein Club Fischtown Penguins Bremerhaven das Training für die Saison in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) auf, und ab morgen ist er sogar Co-Bundestrainer, weil sich der Stab der deutschen Nationalmannschaft durch eine Covid-19-Infektion von Chef Toni Söderholm und die Absage des Assistenten Cory Murphy gelichtet hat. Thomas Popiesch wird den Deutschland Cup in Krefeld (Donnerstag bis Sonntag) von der Bande aus mitgestalten.

Weil pandemiebedingt sich alles verschob diess Jahr, ergab sich für Popiesch in den vergangenen Wochen aber auch die Gelegenheit, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und ein paar Drehtage in ein Filmprojekt zu investieren. Thomas Popiesch, 55, Trainer in Bremerhaven, 2018 als DEL-Trainer des Jahres ausgezeichnet, stammt aus der DDR. „Man redet oft positiv über die alte Zeit“, sagt er, positioniert sich aber gegen ihre Verklärung. Er hat die DDR „als Unrechtsstaat“ erlebt.

Thomas Popiesch saß dreieinhalb Jahre im Gefängnis – wegen versuchter Republikflucht. Er hatte, wie er in einer Dokumentation für den NDR-Sportclub (abrufbar über die ARD-Mediathek und Youtube) erzählt, trotz eines ihn behütenden Elternhauses seine Probleme mit dem Leben in der DDR. Er war 17, mit das größte Eishockeytalent des Landes, stand bei Dynamo Berlin (heute Eisbären) vor der Aufnahme in die erste Mannschaft, als er sich mit seinem Freund Andree Kaiser entschloss, über die Tschechoslowakei in den Westen, nach Österreich, abzusetzen. „Unsere Planung war, dass wir den Schulatlas mitnahmen.“ Am Todesstreifen, wo sich die beiden jungen Männer mit einer Zange am Grenzzaun zu schaffen machten, war Schluss. Als Soldaten mit Hunden und Waffen anrückten, verspürte Thomas Popiesch „Angst, wie ich sie später nie mehr erlebt habe“.

Popiesch und Kaiser kamen zehn Monate ins geheime Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen in Untersuchungshaft, Popiesch wurde als Rädelsführer wahrgenommen und zu insgesamt dreieinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Großteils saß es sie in Bautzen ab.

Einmal im Monat durften für eine halbe Stunde die Eltern kommen, die mit West-Anwälten Kontakt aufgenommen hatten, um einen Freikauf ihres Sohnes durch die Bundesrepublik zu erwirken. „Wenn meine Eltern sagten, dass ich vielleicht bald rausgelassen würde, hat mir das für Wochen Energie gegeben“, sagt Popiesch in der Dokumentation. Jedoch: Die DDR ließ sich auf keinen Deal ein. Sie fürchtete, Popiesch könnte als Eishockeyspieler im Westen Erfolg haben und dies seine zurückgelassenen Teamgefährten inspirieren, es ihm gleich zu tun. Er wurde als „negatives Vorbild“ deklariert.

Als 21-Jähriger kam Popiesch aus der Haft, spielen ließ man ihn nicht. Ihm blieb nur übrig, mit seinem Vater für eine Freizeitmannschaft anzutreten. Einmal die Woche. Im besten Leistungssportleralter. Er musste sich regelmäßig bei den Behörden melden, es galt, die Kontrolle über ihn zu behalten. Jedes Jahr stellte er einen Ausreiseantrag – abgelehnt. Popiesch arbeitete als Taxifahrer, Automechaniker, Schmuckverkäufer. „Ich sah keine Perspektive.“ Mit 24 der zweite Fluchtversuch, im März 1989 über Ungarn. Zu Fuß über die Grenze. War er schon in Österreich? Er übernachtete auf einem Hochstand im Wald, unten tauchte der Förster auf. Er trug einen Gamsbart und sagte: „Grüß Gott. Servus.“ Österreich! Popiesch kam ins Aufnahmelager nach Gießen, schließlich fand er Unterschlupf bei Bekannten in Düsseldorf.

Die Düsseldorfer EG lud ihn zu einem Training mit den Junioren ein. Für Popiesch nach sieben Jahren ohne richtiges Eishockey ein Fiasko. „Deprimierend, mein Leistungsniveau war bei Null. Ich hätte am liebsten gleich gesagt: Feierabend.“ Er trainierte dann nach alten Dynamo-Plänen. In Duisburg bekam er einen Vertrag. 2. Liga. 15 Jahre spielte er noch Eishockey, als gefragter und produktiver Stürmer von der DEL (Nürnberg) bis zur Oberliga (Erding). Es folgte die Trainerkarriere: Weißwasser, Dresden, Bremerhaven. DEL mit Fischtown, jedes Jahr in den (Pre-)Playoffs. Nun ein bisschen Nationalteam.

NDR-Autor und MagentaSport-Eishockey-Kommentator Michael Maske hat den Film mit und über Popiesch gedreht. Er bewundert die Freundlichkeit und Ruhe seines Protagonisten. Der resümiert nüchtern: „Mein Leben hat sich in den 30 Jahren seit er Wende in eine Richtung verändert, die mir angenehmer ist.“

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