Das Eishockey kehrt zum Alltag zurück

von Redaktion

Deutschland Cup mit zwei Nationalmannschaften – Ohne Kontakt zur Außenwelt

VON GÜNTER KLEIN

München/Krefeld – Beim Deutschland Cup in Krefeld wird sich Historisches zutragen. Eine sehr spezielle deutsche Eishockey-Geschichte. An der Bande stehen wird bei der Nationalmannschaft Steffen Ziesche. Er ist 48 und schon einige Zeit beim Verband, beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB), tätig. Eigentlich ist seine Zuständigkeit der U-18-Juniorenbereich, doch die Umstände haben ihn nach oben gespült für diese eine Woche. Bundestrainer Tini Söderholm fällt wegen einer Covid-19-Infektion aus, also griff der DEB-interne Wer-vertritt-wen-Plan. Steffen Ziesche ist Interims- oder, wenn man so will, Corona-Bundestrainer.

Ziesche? Bekannter Name. Steffen ist der Sohn von Joachim Ziesche, 81. Der Senior war das Gesicht des DDR-Eishockeys, Nationaltrainer im Osten von 1970 bis 1989. „Mein Vater“, sagt Steffen Ziesche, „ist superstolz, er verfolgt natürlich meine Laufbahn.“ Von Ziesche im Osten zu Ziesche im Westen.

Toni Söderholm kann, da unter Quarantäne gestellt, nicht in Krefeld dabei sein, wo sich der Kader bereits am Sonntag einfand. Der Finne lässt sich aber an seinem Wohnort München auf dem Laufenden halten, jedes Training wird für ihn live gestreamt, er könnte sich sogar an einem Ferncoaching während der Spiele versuchen. „Die technischen Möglichkeiten“, sagt Ziesche, „hätten wir ja. In der Drittelpause über MS Teams würde das gehen.“ Aber wahrscheinlich ist, dass Söderholm den Leuten vor Ort ihre Freiheiten lässt und sich erst zu einer Nachbesprechung zuschaltet.

Es ist ein Not-Deutschland-Cup, der von Donnerstag bis Sonntag stattfindet. Mit drei Mannschaften statt vier. Nacheinander sagten Schweiz, Slowakei, Russland und Ersatzkandidat Norwegen ab. Nur Lettland war zu gewinnen für das DEB-Hausturnier, das es seit 33 Jahren gibt. Jetzt ist sogar eine zweite deutsche Mannschaft dabei, sie trägt das Label „Top Team Peking“. Die Aspiranten für die Olympischen Spiele 2022 in China findet man zwar eher im A-Team und in der Riege der deutschen NHL-Spieler, doch das „Top Team Peking“ besteht zu großen Teilen aus der U 20-Nationalmannschaft, die zum Jahreswechsel WM in Edmonton hat. Da die üblichen U-Maßnahmen im November der Pandemie zum Opfer fielen, bietet der Deutschland Cup willkommene Spielpraxis.

Jedenfalls haben sich alle Spieler – ob in A- oder junger Nationalmannschaft – gefreut, dass sie zusammenkommen konnten. „Das Eishockey kehrt jetzt ein bisschen zum Alltag zurück“, meint Marcel Noebels, Stürmer von den Eisbären Berlin, 2019/20 DEL-Spieler des Jahres, „Wir wollen die Spiele nutzen, um unserer Sportart Leben zu geben. Es liegt eine Woche vor uns, die richtungsweisend sein wird.“

Nicht nur sportlich, Da ist die Aufgabe von Steffen Ziesche, die Nationalspieler, die in ihren Vereinen noch keinen Spiel- und in einigen Fällen nicht mal Trainingsbetrieb hatten, etwa auf ein Level zu bringen mit denen, die wie der Münchner Yannic Seidenberg seit drei Monaten nahezu täglich auf dem Eis stehen. „Nach einer langen Pause“, weiß Seidenberg, „explodieren dir bei den ersten Einsätzen die Beine,“

Die wichtigere Mission: Es darf nichts passieren. Das Eishockey muss zeigen, dass die Bubble funktioniert. Die Mannschaften werden keinen Kontakt zur Außenwelt haben. Im Hotel in Krefeld sind die Eishockeyspieler die einzigen Gäste, im Eisstadion, voriges Jahr mit 8000 Zuschauern noch voll besetzt, ist kein Publikum zugelassen. Verbrüderung mit den Fans, die Nahbarkeit, auch mal, wenn spielfrei ist, in die Stadt gehen – alles, was die Eishockeybranche kennzeichnet, ist nicht möglich. Marcel Noebels, der Berliner, ist gebürtiger Krefelder, normal kämen zu den Länderspielen Familie und Freunde. „Darauf muss ich nun verzichten“, erklärt er.

Dank zweimal Training täglich war die Mannschaft bis Mittwoch ohnehin ausgelastet, im Hotel wurden zur Verlustierung Dartscheiben und Playstations aufgestellt. „Und eigentlich gibt es keine Sekunde, in der nicht geredet wird“, sagt Marcel Noebels. Die Themen: Situation des Eishockeys, Gehaltsstundungen, Spielergewerkschaft. Und natürlich auch: Das Spiel an sich, Training, Taktik. Die Zeit geht schon irgendwie rum, wie Yannic Seidenberg bestätigt. Als dreifacher Familienvater zieht er sich auch gerne mal auf sein Zimmer zurück, genießt die Ruhe und den klaren Dreiklang: „Essen, schlafen, trainieren.“

Und hoffen, dass nicht irgendwas Unerwartetes passiert und das Turnier über den Haufen wirft. Noebels: „Jedes Spiel, das im Eishockey gespielt wird, ist etwas Positives.“

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