Leipzig – Ein Ergebnis, das sich zuletzt bei der deutschen Nationalmannschaft eingebürgert hatte, war das 3:3 (gegen die Türkei und die Schweiz). Kein Trainer mag das, die Gegentore bleiben mahnend in den Köpfen hängen, die spektakulären Momente sind schnell vergessen. Daher zum Auftakt der nächsten und letzten Dreierländerspielserie des Jahres 2020 ein nüchternes Fußballresultat: 1:0 durch ein frühes Tor von Luca Waldschmidt (13.). In der jetzigen Situation gerne genommen, als wäre es eine ersehnte Schönheit. Übrigens: Der zweite Sieg des Kalenderjahres.
Unbeirrt setzte Joachim Löw seine Experimentierphase fest, DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte zuvor schon ausgerechnet, „dass wir mit einer Mannschaft mit im Schnitt sieben Länderspielen Erfahrung antreten“. Die absoluten Neulinge in der Startelf waren der kürzlich von Mainz nach Wolfsburg gewechselte Ridle Baku, über den man noch Kalle-Riedle-Witze reißt, und Philipp Max, der sich in der letzten Transferphase von Augsburg nach Eindhoven verändert hatte. Löw hatte bei PSV-Trainer Roger Schmidt Max’ aktuelle Form abtelefoniert, aber sich auch auf frühere Bundesligaeindrücke verlassen, wonach der Sohn des Ex-Nationalspielers Martin Max (ein Einsatz im Jahr 2000) beherzt mitstürmen „und gute Flanken schlagen kann“.
Das war auch die vorgesehene Rolle, denn der Bundestrainer ließ mit Dreier-Abwehrkette (Tah, Koch, Rüdiger) agieren, Max und Baku hatten auf Außen ihre Freiheiten.
Eine Viertelstunde vor Anpfiff legte der Stadionsprecher los, als wäre es kein Geister-, sondern ein handelsübliches Länderspiel. Sogar einen Fair-Play-Appell gab es, obwohl nur Journalisten im Stadion waren. Oder vielleicht auch deswegen, denn die Medien waren nach Meinung des DFB zuletzt zu kritisch mit der Mannschaft. Heroische Musik begleitete die Teams aufs Feld, feierlich wurden die Aufstellungen verlesen. Die Hymnen – „bitte gern mitsingen“. Lippen-Playback bei den Spielern.
Würde sich diese Mannschaft, die es so noch nie gegeben hatte, schnell finden? Die Tschechen setzten ihr in der Anfangsphase zu, Joachim Löw hatte auch angekündigt, dass der Gegner, obwohl seine Erfolgsgeschichten mehr als ein Jahrzehnt zurückliegen und er durch diverse Corona-Ausfälle geschwächt war, offensiv was bieten würde. Die größere Kreativität lag dann aber schon bei Löws Team, das sich in der ersten Halbzeit die klareren Chancen erspielte. Und in der 13. Minute die Führung: Die leitete Florian Neuhaus, der filigrane Mönchengladbacher, mit einem Distanzschuss ein, der den tschechischen Torhüter Jiri Pavlenka zum Flug ins Eck zwang.
Schöne Parade, doch noch lange nicht das Ende der Situation: Debütant Max spielte einen ziemlich akkuraten Pass auf Luca Waldschmidt, der das 1:0 erzielte. Gündogan und der früh für den verletzten Jonas Hofmann eingewechselte Nadiem Amiri kamen später ebenfalls in gute Schussposition. Sie scheiterten, aber wenigstens nicht so dramatisch wie Julian Brandt, dem der Ball verrutschte wie einem Kreisliga-Verteidiger.
Zur zweiten Halbzeit brachte Löw zunächst nur Mo Dahoud, der aus den U-Nationalmannschaften als Talent anerkannt, in der Bundesliga aber noch keine Größe und in Dortmund aktuell kein Stammspieler ist. Aber für einen solchen Abend dann der typische Nationalspieler. Er kann den Ball eng führen, sich gut drehen, diese Fähigkeiten hätten in der 60. Minute fast zum deutschen 2:0 geführt.
Doch wieder war ein tschechischer Abwehrkörperteil dazwischen. An Hingabe fehlte es dem Gegner nicht. Der somit im Wettbewerb blieb. Für die Deutschen also zumindest eine schöne Übung gegen die nach der Coronapause aufgetretene Schwäche der letzten Minuten. Da lieferte Kevin Trapp mit seiner überragenden Rettungsparade (82.) den defensiven Schlüsselmoment des Leipziger Abends.